📖 Über dieses Buch · Der Totschläger · von Emile Zola
Veröffentlicht 1877 und der siebte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus
Deutsche Übersetzung: Verlag Benjamin Harz | Jahr: 1923 | Übersetzer: Willibald König
Zeit und Ort: 1851 – 1869, Paris
Schlüsselthemen: Alkoholismus, Soziale Determination und Umwelteinflüsse, der Traum vom Kleinbürgertum und sein Scheitern, Arbeit und Müßiggang, Der Zerfall der Familie, Armut als tödliche Falle, Der Gegensatz zwischen Illusion und Wirklichkeit.
Hauptpersonen: Gervaise Macquart (Wäscherin), Coupeau (Dachdecker, Ehemann von Gervaise), Auguste Lantier (Geliebter von Gervaise, Vater ihrer beiden ältesten Kinder), Nana (Tochter von Gervaise und Coupeau), Madame Lorilleux (Schwester von Coupeau, Gegnerin von Gervaise), Goujet (Schmied, ehrlicher Verehrer von Gervaise), Madame Boche (Hausmeisterin).
Handlungsbogen: Gervaise, Wäscherin, wird von Lantier verlassen, heiratet den Dachdecker Coupeau und erfüllt sich den Traum einer eigenen Wäscherei. Doch Coupeaus Sturz vom Dach macht ihn arbeitsunfähig. Er verfällt dem Alkohol, zieht Gervaise mit in die Kneipe L'Assommoir. Lantier kehrt zurück und schmarotzt bei ihnen. Geld, Arbeit und Würde schwinden. Gervaise verliert ihren Laden, verkommt, bettelt. Die Familie zerfällt, Nana wird zur Dirne. Gervaise stirbt elend, einsam und verhungert unter einer Treppe – als verlorene Seele des Arbeiter-Milieus.
Zusammenfassung
Drei Wochen nach Lantiers Fortgang begegnet Gervaise beim Wäscheaustragen dem Zinkarbeiter Coupeau, der sie in die Schenke »Zum Totschläger« des Vater Colombe einlädt. Er macht ihr einen Heiratsantrag, den sie zunächst ablehnt – sie sei eine »alte Frau« mit zwei Kindern, habe schlechte Erfahrungen gemacht und wolle sich nicht mehr binden. Coupeau jedoch lässt nicht locker; er betont, dass er nicht trinke, und stellt sich als gutmütiger, fleißiger Arbeiter dar. Gervaise erzählt von ihren Idealen: Arbeit, Brot, ein sauberes Zimmer, keine Schläge, und in ihrem eigenen Bett sterben.
Coupeau begleitet sie zum Haus in der Rue de la Goutte-d'Or, wo seine Schwester Madame Lorilleux wohnt. Gervaise ist beeindruckt von der Größe des Mietshauses mit seinen sechs Stockwerken, den Werkstätten und dem Treiben der Bewohner. Sie besuchen die Lorilleux' in ihrer engen, schmutzigen Kettenwerkstatt – ein Raum voller Goldstaub, aber von armseligem Aussehen. Die Lorilleux' empfangen sie kühl, mustern sie misstrauisch und zeigen wenig Begeisterung für die geplante Heirat. Gervaise fühlt sich gedemütigt, als man ihr unterstellt, sie könne Goldstaub entwenden.
Coupeau setzt dennoch den Hochzeitstermin für den 29. Juli fest. Auf dem Heimweg bleibt Gervaise das Gefühl einer tödlichen Furcht – das Haus erscheint ihr wie ein erdrückender Riese.
Die Schenke als Ort der Verführung – Der »Totschläger« ist nicht nur eine Kneipe, sondern ein Raum, in dem sich soziale Bindungen lösen und neue anbahnen. Der Destillierapparat, der unaufhörlich Alkohol hervorbringt, wird zur drohenden Metapher.
Gervaises Ideal und ihre Schwäche – Sie formuliert einen klaren Lebensplan (Arbeit, Brot, Ruhe, keine Schläge), doch ihre eigene »Schwäche des Herzens« und ihr Bedürfnis nach Zuneigung machen sie anfällig für Coupeaus Werben. Der Kontrast zwischen ihrem Vorsatz und ihrer Nachgiebigkeit prägt das ganze Kapitel.
Das Haus als sozialer Körper – Der Mietskasernenblock in der Rue de la Goutte-d'Or wird von Zola als lebendiges Wesen beschrieben: ein »Riese« mit sechs Stockwerken, Treppen wie Adern, Licht wie offene Augen. Es ist der Ort, an dem das Elend der Arbeiterklasse sich verdichtet – und zugleich der Ort, an dem Gervaise ihr neues Leben beginnen soll.
Die Goldschmiede-Werkstatt als Symbol – Bei den Lorilleux' herrscht eine fast klösterliche Enge; der Goldstaub, der die Luft erfüllt, ist gleichzeitig Wert und Gefahr. Die Arbeit ist entmenschlichend, die Gastgeber sind misstrauisch und geizig. Die Szene zeigt, wie selbst die scheinbar »höhere« Arbeit (Goldschmied) im Arbeiterquartier in schmutzigstem Elend stattfindet.
Notizen
»Wenn ich mein ganzes Leben lang mich matt und müde gearbeitet habe, möchte ich gern in meinem eigenen Bette sterben.« – Gervaise zu Coupeau.
Glossar
- Destillation – Brennerei; der Destillierapparat in Vater Colombes Kneipe ist das Herzstück des »Totschlägers«.
- Kerze schnäuzen den Docht der Kerze kürzen
- Vitriol – umgangssprachlich für billigen, scharfen Branntwein oder Absinth.
- Scheidewasser – veraltete Bezeichnung für Salpetersäure oder andere ätzende Flüssigkeiten; hier zum Reinigen von Goldketten verwendet.
- Säule (Kette) – eine bestimmte Gliederungsart bei goldenen Ketten; der Kettenmacher Lorilleux spezialisiert sich darauf.
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