📅 Chronik der Ereignisse · Die Sünde des Abbé Mouret
Erstes Buch
Mai 1867 · Artauds
Kapitel 1–3
Abbé Serge Mouret feiert die Frühmesse in der ärmlichen Dorfkirche von Artauds. Die Teusin nörgelt über den desolaten Zustand von Kirche und Pfarrhaus, putzt während der Messe die Kerzen und vertreibt Spatzen. Desiderata, seine kindlich-unschuldige Schwester, stürmt mit frisch geschlüpften Küken in die Kirche. Der Pfarrer bleibt gelassen und gutmütig.
Kapitel 4–6
Nach der Messe begegnet Mouret Bruder Archangias, der den Ministranten Vinzenz auf dem Friedhof verprügelt. Archangias wettert gegen die verwilderten Dorfbewohner und fordert Härte statt Milde. Mouret versucht beim Bürgermeister Bambousse eine Heirat zwischen der schwangeren Rosalie und Fortunat Brichet zu vermitteln – doch Bambousse weigert sich. Mouret geht unverrichteter Dinge.
Kapitel 7–9
Mouret trifft auf dem Rückweg seinen Onkel, Doktor Pascal Rougon, und begleitet ihn zum verwilderten Anwesen Paradeis. Dort lebt der alte Jeanbernat, ein überzeugter Materialist, der den Priester verhöhnt. Mouret begegnet Albine, Jeanbernats wilder Nichte – ein sechzehnjähriges Mädchen, das wie ein Naturwesen den verwilderten Park bewohnt. Zurück in der Pfarre erwartet ihn der Zorn der Teusin wegen seiner Verspätung.
Kapitel 10–12
Desiderata zeigt ihrem Bruder voller Stolz ihren Viehhof – ein Reich aus Hühnern, Kaninchen, einer Ziege und einem kleinen Schwein. Der Priester fühlt sich von der üppigen, triebhaften Atmosphäre des Hofes bedrängt. Beim Abendessen mit Bruder Archangias entbrennt ein Streit über den Besuch bei Jeanbernat – Archangias wettert gegen Albine als "Hexe". Abends schmücken die Dorfmädchen den Altar der Jungfrau. Mouret bleibt allein in der dunklen Kirche zurück und versinkt in eine ekstatische Marienandacht.
Kapitel 13–15
Fiebernd liegt Mouret in seinem Zimmer. Er erinnert sich an seine Seminarzeit in Plassans – fünf Jahre strenger Frömmigkeit, Gebete und Gehorsam. Doch die Erinnerung an das Paradeis und an Albine verfolgt ihn. Die nächtliche Landschaft erscheint ihm als schlafende, triebhafte Cybele. In Panik wirft er sich vor der unbefleckten Empfängnis nieder und fleht Maria an, ihn von seiner Männlichkeit zu befreien – ihn zum „Verschnittenen um des Himmelreiches willen“ zu machen. In einer Ekstase bricht er besinnungslos auf den Fliesen zusammen.
Zweites Buch
Mai–September 1867 · Paradou
Kapitel 1–3
Sergius erwacht im Paradeis – sein Gedächtnis ist ausgelöscht. Albine pflegt ihn mit mütterlicher Hingabe, ihre Hand wird seine einzige Medizin. Doch tagelanger Regen stürzt ihn in neue Fieberdelirien – er beklagt den Tod der Sonne und identifiziert sich mit Keimen, die sich durch dunkle Erdschichten ans Licht kämpfen. Erst als die Sonne wieder durchbricht und Albine die Vorhänge öffnet, beginnt er sich zu erholen. Der Garten – ein grünendes Meer – offenbart sich ihm durch den Fensterrahmen. Albine zeigt ihm das "Paradies".
Kapitel 4–6
Sergius lernt wieder gehen, seine Sinne erwachen – doch er bleibt stumpf und kindisch. Albine sorgt sich, die Krankheit habe ihn "wahnsinnig" zurückgelassen. Sie übt mit ihm wie mit einem Kind: lockt ihn mit ihrem Kamm, bringt ihn zum Lachen. Eines Tages steht er auf, blickt in den Garten und folgt ihr mit den Augen. Im Rosenwald schläft er ein; als sie ihn mit Rosenblättern bedeckt und küßt, erwacht er und spricht zum ersten Mal mit einer veränderten, reifen Stimme: »Als du aus mir heraustratest, bin ich erwacht.« Er erkennt sie als sein „anderes Selbst“.
Kapitel 7–9
Sergius und Albine durchstreifen den Blumengarten – eine wilde, überwucherte Pracht. In einer verwunschenen Grotte entdecken sie eine ertrunkene Marmorstatue. Auf einem Feld von Lilien rasten sie – fern aller sinnlichen Versuchung vollendet sich ihre Geburt, sie werden zu Kindern. Zurück im Lusthaus erzählt Albine die Legende der schönen Dame – und Sergius unterbricht sie: Er kennt die Geschichte bereits. Es ist seine erste Erinnerung an die Zeit vor der Krankheit (aus Doktor Pascals Erzählung in der Kutsche). Albine verdrängt diesen Widerspruch. Sie spielen in kindlicher Unschuld die Liebenden von einst, durchstreifen den Obstgarten – ein verlorenes Paradies des Überflusses.
Kapitel 10–12
Auf den Wiesen spielen sie "Mann und Frau" – ein kindliches Spiel ohne erotische Spannung. Im Hochwald küsst Sergius Albine zum ersten Mal – der erste Kuß, der alles verändert. Doch die folgenden Tage sind von Scheu und Fieber geprägt. Auf den Felsen, umgeben von betäubenden Düften und seltsamen Pflanzen, überkommt sie eine wilde, fast schmerzhafte Begierde – sie fliehen voreinander. Drei Tage schmollen sie, tief unglücklich über das, was sie nicht zu benennen wagen.
Kapitel 13–15
Der Garten wird ihnen zur Qual – sie fliehen in das Lusthaus, doch die erotischen Malereien erwachen zum Leben. Albine durchstreift allein den Garten und findet die verbotene Lichtung. Sie lockt Sergius dorthin, der Garten selbst geleitet sie. Unter dem „Urältesten des Gartens“, einem uralten Baum, geben sie sich hin – die gesamte Natur feiert ihre Vereinigung.
Kapitel 16–17
Aus der Umarmung erwachen sie in seliger Einheit – Sergius fühlt sich als vollkommener Mann. Doch auf dem Rückweg überkommt Albine plötzliche Scham; sie hört spottende Stimmen, bekleidet sich mit Blättern. Sie stoßen auf die eingestürzte Mauer – die Bresche, die Albine einst verschlossen hatte, ist wieder geöffnet. Sergius erblickt Artaud, die Kirche, den Friedhof. Das Angelusläuten weckt seine Erinnerung mit brutaler Gewalt – er ist wieder der Priester. Bruder Archangias erscheint in der Bresche, zerrt Sergius aus dem Garten und beschimpft Albine als "Dirne" und "Schlange". Sergius folgt ihm willenlos, Albine flieht verzweifelt in die Tiefen des Gartens.
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