Zeit und Ort: 1858 - 1864, Plassans (fiktive Stadt in Südostfrankreich. Es geht um die politischen Machenschaften der katholischen Kirche und des Zweiten Kaiserreichs gegen die unzufriedenen ländlichen Provinzen.
Schlüsselthemen: Die schleichende, zerstörerische Machtübernahme einer Stadt durch die Kirche im Auftrag des bonapartistischen Staates, politische Manipulation, religiöser Fanatismus.
Hauptpersonen: François Mouret (Das Familienoberhaupt, ein schwacher Charakter ohne Durchsetzungsvermögen); Marthe Mouret (geb. Rougon, die Ehefrau von François, leidet an einer Geisteskrankheit und verfällt während des Romans einem religiösen Wahn); Abbé Ovide Faujas (Der zentrale Antagonist des Romans, ein Geistlicher, der als geheimer Agent der Regierung Napoleons III. nach Plassans geschickt wird, um die Stadt für das Kaiserreich zu gewinnen); Frau Faujas (Die Mutter des Abbé, zieht zusammen mit ihrem Sohn bei den Mourets ein); Olympe Trouche (Die Schwester von Abbé Faujas); Trouche (Der Schwager des Abbé)
Handlungsbogen: Abbé Ovide Faujas kommt als Untermieter bei der Familie Mouret an. Er soll als Agent der bonapartistischen Regierung Napoleons III. die Stadt für das Kaiserreich zurückgewinnen. Er nutzt Intrigen und Verleumdung, um Einfluss zu gewinnen. Sein Machtspiel zerstört das Leben der Familie Mouret: Die Hausherrin Marthe verfällt einem religiösen Wahn, und ihr Ehemann François wird unschuldig in eine Irrenanstalt eingewiesen.
Siebentes Kapitel
📅 Dezember 1858 - Februar 1859📍 Plassans · Provence-Alpes-Côte d'Azur · Südfrankreich
Das Kapitel schildert die zunehmende Vertrautheit zwischen den Familien Mouret und Faujas sowie den wachsenden Einfluss des Priesters auf Martha. Mouret, der zunächst enttäuscht ist, dass Martha ihm nichts Besonderes vom Abend bei ihrer Mutter berichten kann, erfährt am nächsten Tag von Stadtklatsch, dass der Abbé Faujas im Salon der Rougons einen schlechten Eindruck hinterlassen habe – man munkelt sogar von dunklen Vorfällen in Besançon. Mouret, der den Abbé ursprünglich verdächtigte, nimmt ihn nun gegen die Angriffe der Stadt in Schutz und macht dessen Sache zu seiner eigenen. Er sieht sich als einzigen, der den Priester wirklich kennt, und beginnt, ihn demonstrativ zu fördern. Die Mourets laden die Faujas daraufhin regelmäßig zu den Abenden ein. Während Mouret und die alte Frau Faujas leidenschaftlich Piquet spielen, sitzen Martha und der Abbé am anderen Ende des Tisches und führen zunehmend vertraulichere Gespräche. Der Priester geht geschickt vor: Er fragt nicht direkt, aber erfährt nach und nach alle Details über Marthas Leben, ihre Ängste, ihre Ehe und ihre Familienverhältnisse – insbesondere ihre Verbindung zu den Rougons und Macquarts sowie die Furcht vor dem Wahnsinn, der in der Familie liegt.
Martha, die sich in ihrer Ehe oft einsam und unbeachtet fühlt, öffnet sich dem Priester. Sie gesteht, dass sie nicht fromm sei, aber von den Tröstungen der Religion tief berührt wird. Als in der Stadt ein Skandal um verwahrloste Mädchen aufkommt, schlägt der Abbé vor, eine mildtätige Bewahranstalt zu gründen – ähnlich wie in Besançon. Martha begeistert sich sofort für die Idee und erklärt sich bereit, den Ausschuss zu leiten und die Sammlungen zu organisieren. Am Ende des Kapitels kündigt Martha ihrem Mann an, dass sie am nächsten Tag mit dem Abbé in der Kirche zusammentreffen werde, um die Pläne zu besprechen. Mouret, der das Gespräch nicht mitbekam, reagiert überrascht und spöttisch: "Ei, ei, davon habe ich ja gar nichts gemerkt. Du bist unter die Betschwestern gegangen!" – ohne zu ahnen, dass der Abbé bereits begonnen hat, Martha systematisch für seine Zwecke zu gewinnen und sie von ihrem häuslichen Leben loszulösen.
Notizen
„Ei, ei, davon habe ich ja gar nichts gemerkt. Du bist unter die Betschwestern gegangen!“ – Mouret
🔹 Schlüsselmotiv: Die systematische Loslösung Marthas aus ihrem häuslichen Leben🔹 Symbol: Das Piquet-Spiel – Ablenkung und strategische Zweiteilung der Aufmerksamkeit
Pfaffen ist eine abwertende, verächtliche Bezeichnung für katholische Geistliche, die oft mit Spott oder Missachtung verwendet wird. Das Wort ist vom mittelhochdeutschen pfaffe abgeleitet, das ursprünglich einfach "Geistlicher" bedeutete, aber schon im 16. Jahrhundert einen negativen Klang bekam – vor allem durch die reformatorische Polemik und die antiklerikale Kritik der Aufklärung. Im 19. Jahrhundert wurde es in bürgerlichen und freidenkerischen Kreisen Frankreichs und Deutschlands oft gebraucht, um die angebliche Rückständigkeit, Machtgier und Heuchelei des Klerus zu karikieren. Im Roman lässt Mouret eine sarkastische Bemerkung fallen, als er hört, dass der Abbé Faujas bei der Gesellschaft der Rougons „in den Salon der Pfaffen“ eingeführt werden soll – die Wortwahl verrät seine Haltung als Freidenker, der sich über die Kirche lustig macht, während er gleichzeitig neugierig auf den geheimnisvollen Priester ist. Der Begriff „Pfaffe“ ist ein ideologisch aufgeladener Ausdruck, der die Spannungen zwischen Kirche und aufkommendem laizistischem Bürgertum im Frankreich des 19. Jahrhunderts widerspiegelt.
Marter (vom lateinischen martyrium = Qual, Folter) bedeutet eine starke, quälende Qual oder Pein – sowohl körperlich als auch seelisch. Das Wort ist verwandt mit martyrium (Märtyrertod) und martervoll. Im alltäglichen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts wurde es oft übertrieben oder im Scherz verwendet, um eine unangenehme, lästige Tätigkeit zu beschreiben. Im Roman sagt Mouret über das Kartenspiel mit seiner Frau, es sei „eine wahre Marter“ für sie, weil sie keine Karten spielen mag und es nur ihm zuliebe tut. Die Übertreibung zeigt Mourets Selbstbezogenheit: Er merkt gar nicht, dass seine Frau sich quält, und zwingt sie in eine Freizeitbeschäftigung, die sie hasst. Gleichzeitig ist die Formulierung ein kleiner Vorgriff auf die spätere, ernstere Situation, in der Martha tatsächlich seelische Qualen durchleiden wird – die Wortwahl nimmt hier schon eine tiefere Bedeutung an.
Einen Korb geben ist eine umgangssprachliche Redewendung, die bedeutet, dass man eine Einladung, einen Heiratsantrag oder ein Angebot ablehnt oder zurückweist. Der Ursprung des Ausdrucks ist nicht ganz geklärt – eine Theorie besagt, dass er vom französischen corbillon (Körbchen) abstammt, ein kleiner Korb, den man einer abgewiesenen Person als Trost schenkte. Eine andere Deutung führt ihn auf den Brauch zurück, dass ein Mädchen einem unerwünschten Freier einen leeren Korb übergab. Im Roman überlegt Mouret, ob er die Familie Faujas in sein Haus einladen soll, und fürchtet, sie könnten „ihm einen Korb geben“ – dass sie also ablehnen. Die Redewendung unterstreicht den umgangssprachlichen, leicht saloppen Ton von Mourets Reden und zeigt, dass er die förmlichen Regeln der bürgerlichen Gesellschaft zwar kennt, aber nicht unbedingt selbst anwendet.
Sutane (vom französischen soutane) ist die französische Bezeichnung für das lange, schwarze Priestergewand (im Deutschen oft Talar genannt). Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert vor allem in Frankreich und in den deutschsprachigen Regionen mit starkem französischem Einfluss verwendet. Die Sutane reicht vom Hals bis zu den Füßen und wird von katholischen Geistlichen im Alltag sowie bei liturgischen Handlungen getragen. Sie ist ein unverwechselbares äußeres Zeichen des geistlichen Standes. Im Roman kauft der Abbé Faujas sich eine „neue Sutane“, was Mouret überrascht – denn er hatte den Priester bisher nur in seinem abgetragenen, „schäbigen“ Talar gesehen. Die Wahl des französischen Wortes Sutane anstelle des deutschen Talar verleiht der Szene eine leicht exotische, kirchlich-feierliche Note und unterstreicht, dass der Abbé sich für seinen Besuch im Hause Mouret in eine Art offizielles, repräsentatives Gewand gehüllt hat – ein taktischer Schritt, der seine Haltung und Selbstwahrnehmung verändert.
Revanchepartie (von französisch revanche = Rache, Vergeltung) ist ein Begriff aus der Spieler-Sprache des 19. Jahrhunderts. Er bezeichnet eine zweite Partie nach einer verlorenen, die dem Verlierer die Möglichkeit gibt, seine Niederlage wiedergutzumachen und sich zu rehabilitieren. Es geht also um Rache oder Genugtuung im Spiel. Im Kartenspiel, beim Schach oder beim Billard war es damals üblich, nach einer verlorenen Partie eine Revanchepartie zu fordern. Mouret, ein leidenschaftlicher, aber nicht besonders guter Kartenspieler, verlangt von Madame Faujas immer wieder eine Revanchepartie, weil er seine Niederlagen nicht ertragen kann. Die Wortwahl zeigt seinen unstillbaren Ehrgeiz und seine kleine Eitelkeit – er gibt nicht zu, verloren zu haben, und schiebt es auf einen „ungünstigen Kartenstand“. Die Revanchepartie wird bei ihm zur fixen Idee, die die Hausgemeinschaft jeden Abend zusammenhält.
Bastardzweig ist ein Begriff aus der Familien- und Genealogie-Forschung (Stammbaumkunde). Er bezeichnet eine Nebenlinie einer Familie, die von einem unehelichen Kind (einem Bastard) abstammt. Im 19. Jahrhundert war dies eine gesellschaftlich sehr bedeutsame Unterscheidung: Uneheliche Kinder hatten oft weniger Rechte, galten als Makel in der Familiengeschichte und wurden häufig von der Erbfolge ausgeschlossen. Im Roman erklärt Mouret den Macquarts eine eigene Rolle in der Geschichte der Rougons – sie sind ein Bastardzweig, der von der unehelichen Verbindung eines Rougon-Vorfahren mit einer einfachen Frau abstammt. Diese Herkunft erklärt die Spannungen und Rivalitäten zwischen den Familienzweigen: Der legitime Rougon-Zweig betrachtet die Macquarts mit Verachtung, während die Macquarts – wie Onkel Macquart – sich durch Trotz und eine gehörige Portion Schadenfreude auszeichnen. Zola nutzt solche genealogischen Details, um die Verflechtungen von Besitz, Macht und Herkunft zu zeigen, die im 19. Jahrhundert den gesellschaftlichen Rang bestimmten.
Quinte ist ein Begriff aus dem Kartenspiel Piquet, den Mouret und Madame Faujas jeden Abend spielen. Im Piquet bezeichnet eine Quinte eine Folge von fünf aufeinanderfolgenden Karten derselben Farbe (z. B. Herz 7, 8, 9, 10, Bube). Eine Quinte ist eine sehr wertvolle Kartenkombination, die viele Punkte einbringt und dem Spieler einen großen Vorteil verschafft. Der Begriff kommt vom lateinischen quintus = der fünfte. Im Roman freut sich Mouret eines Abends besonders, weil er „ihr eine Quinte verdarb“ – er durchkreuzte also Madame Faujas' Spiel, indem er die Kartenfolge vereitelte, die sie vielleicht zusammenzustellen versuchte. Diese Details zeigen Zolas Genauigkeit bei der Beschreibung des Spiels, aber auch die verbissene Eitelkeit Mourets, der selbst über kleine Siege im Kartenspiel triumphieren muss, um sein Selbstwertgefühl zu nähren. Das Spiel wird in der Ehe von Mouret und Madame Faujas zur stillen Schlacht um Anerkennung und Macht.
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