Die Eroberung von Plassans - Kapitel 13

Deep Reading · Die Eroberung von Plassans · 13. Kapitel

📖 Über dieses Buch · Die Eroberung von Plassans · von Emile Zola

Veröffentlicht 1874 und der vierte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1858 - 1864, Plassans (fiktive Stadt in Südostfrankreich. Es geht um die politischen Machenschaften der katholischen Kirche und des Zweiten Kaiserreichs gegen die unzufriedenen ländlichen Provinzen.

Schlüsselthemen: Die schleichende, zerstörerische Machtübernahme einer Stadt durch die Kirche im Auftrag des bonapartistischen Staates, politische Manipulation, religiöser Fanatismus.

Hauptpersonen: François Mouret (Das Familienoberhaupt, ein schwacher Charakter ohne Durchsetzungsvermögen); Marthe Mouret (geb. Rougon, die Ehefrau von François, leidet an einer Geistenskrankheit und verfällt während des Romans einem religiösen Wahn); Abbé Ovide Faujas (Der zentrale Antagonist des Romans, ein Geistlicher, der als geheimer Agent der Regierung Napoleons III. nach Plassans geschickt wird, um die Stadt für das Kaiserreich zu gewinnen); Frau Faujas (Die Mutter des Abbé, zieht zusammen mit ihrem Sohn bei den Mourets ein); Olympe Trouche (Die Schwester von Abbé Faujas); Trouche (Der Schwager des Abbé)

Handlungsbogen: Abbé Ovide Faujas kommt als Untermieter bei der Familie Mouret an. Er soll als Agent der bonapartistischen Regierung Napoleons III. die Stadt für das Kaiserreich zurückgewinnen. Er nutzt Intrigen und Verleumdung, um Einfluss zu gewinnen. Sein Machtspiel zerstört das Leben der Familie Mouret: Die Hausherrin Marthe verfällt einem religiösen Wahn, und ihr Ehemann François wird unschuldig in eine Irrenanstalt eingewiesen.

Dreizehntes Kapitel
📅 Herbst 1860 📍 Plassans · Provence-Alpes-Côte d'Azur · Südfrankreich

Zusammenfassung

Das Kapitel zeigt den endgültigen Zerfall der Familie Mouret: Serge, der schwache und fromme Sohn, entscheidet sich – unter dem Einfluss des Abbé Faujas – für den Priesterberuf, während Mouret vereinsamt und sein Haus Stück für Stück an die Eindringlinge verliert. Serge, ein zarter, kränklicher und ernster junger Mann, verbringt viel Zeit mit dem Abbé Faujas, der ihn im Botanisieren unterrichtet und zum Schachspiel anleitet. Mouret, der seinen Sohn eigentlich nach Paris schicken will, sieht mit wachsender Wut, wie der Priester den Jungen für sich einnimmt. Als Serge nach einer schweren Erkrankung – die Mouret sich selbst vorwirft, weil er den Sohn im Regen hatte ausgehen lassen – genesend im Bett liegt, gesteht er seinem Vater unter Tränen, dass er Priester werden möchte. Mouret ist erschüttert, stimmt aber schließlich resigniert zu; er reist für einige Tage nach Marseille, kehrt aber gebrochen und gealtert zurück. Von nun an zieht sich Mouret immer mehr zurück. Er schweigt, meidet den Abbé, wird von Rosa wegen seiner "Gottlosigkeit" angegriffen und verbringt seine Tage damit, im Garten mit der zurückgebliebenen Desirée zu spielen – ein Bild der Verlorenheit.

Sein Haus, einst sein stolzer Rückzugsort, ist ihm entfremdet. Der Abbé Faujas hingegen festigt seine gesellschaftliche Stellung. Er kleidet sich nun vornehm, wird von den Damen verehrt und hat den Jugendklub fest im Griff. Die Sackgasse Chevillottes wird zu einem neutralen Treffpunkt, durch den die Nachbarn aus den verfeindeten Lagern in den Garten der Mourets eindringen – der Abbé empfängt dort die Honoratioren, während Mouret nur noch zusieht. Auch die Trouches gewinnen an Raum: Sie setzen sich gegen den Abbé durch, der sie bisher eingesperrt hielt, und erpressen ihm mehr Freiheit ab. Olympia beklagt sich über ihr Zimmer, und Martha überlässt ihnen schließlich das freigewordene Zimmer des Serge – ein weiteres Zeichen, wie das Haus Stück für Stück an die Eindringlinge abgegeben wird. Mouret, der eines Abends überrascht die Trouches in diesem Zimmer antrifft, kann nur schweigend zurücktreten – sein Reich ist endgültig verloren.

Notizen

„Mouret kann nur schweigend zurücktreten – sein Reich ist endgültig verloren.“

🔹 Schlüsselmotiv: Der endgültige Verlust des Hauses und der väterlichen Autorität 🔹 Symbol: Das Zimmer des Serge – der letzte Raum, der an die Eindringlinge abgegeben wird

Abkanzeln ist ein umgangssprachliches, leicht derbes Verb, das jemanden scharf zurechtweisen, ausschimpfen oder maßregeln bedeutet. Es wird häufig verwendet, wenn eine Autoritätsperson (Vater, Lehrer, Vorgesetzter) einen Untergebenen wegen eines Fehlers oder unerwünschten Verhaltens in strengem Ton tadelt. Die Herkunft des Wortes ist nicht ganz geklärt – möglicherweise hängt es mit dem mittelhochdeutschen kanzel (Kanzel) zusammen, dem erhöhten Ort, von dem aus man predigt oder ermahnt. Wer „abgekanzelt“ wird, bekommt eine verbale Standpauke zu hören. Im Roman sagt die Köchin Rosa über den Abbé Faujas: „Der Herr Pfarrer wollte nicht, dass er Priester werde; er hat ihn genug abgekanzelt.“ Sie bezieht sich darauf, dass der Abbé Serge von seinem Wunsch, Geistlicher zu werden, abzubringen versucht hat – mit deutlichen, strengen Worten. Dass ausgerechnet der sonst so milde Abbé Faujas abkanzelt, zeigt seine Doppelnatur: Er kann streng, fast grob sein, wenn er glaubt, jemanden von einem „falschen“ Weg abbringen zu müssen.
Kanzlei (von lateinisch cancellarius = Kanzler, Schreiber) bezeichnet im Allgemeinen ein Büro oder Arbeitszimmer, in dem Verwaltungsarbeit, Schriftverkehr und Aktenführung erledigt werden. Im 19. Jahrhundert war die Kanzlei der Arbeitsplatz von Advokaten, Notaren, Behördenbeamten und Geschäftsleuten – ein Raum mit Schreibtisch, Aktenregalen und oft auch einer Truhe für Wertgegenstände. Im Roman zieht sich Mouret „in den ersten Stock“ zurück, wo er sich „in einem Zimmer einschloss, das er seine Kanzlei nannte, ein großer, leerer Raum, in dem nur ein Tisch und zwei Stühle standen“. Die Wahl des Wortes Kanzlei ist hier ironisch: Mouret hat keine geschäftlichen oder behördlichen Pflichten mehr – er ist Rentier. Die Kanzlei ist für ihn nur ein Rückzugsort, ein stilles Kämmerchen, in dem er sich vor Rosa und dem Trubel des Hauses versteckt. Das Wort verweist auf seine kaufmännische Vergangenheit, auf die Zeit, als er noch ernsthafte Geschäfte führte – heute ist sie eine leere Hülle, eine Erinnerung an seine frühere Bedeutung, die er längst verloren hat.
Spekulationen (von lateinisch speculari = beobachten, auskundschaften) sind im kaufmännischen Sinn riskante Geschäfte, bei denen man auf zukünftige Preissteigerungen oder -senkungen setzt, um hohe Gewinne zu erzielen. Im 19. Jahrhundert, besonders während der Industrialisierung, war die Spekulation einerseits ein Symbol für unternehmerischen Weitblick – andererseits aber auch eine gefährliche, oft als unmoralisch geltende Tätigkeit, die viele Bürger in den Ruin trieb. Im Roman wird gemunkelt, Mouret habe sich „in kühne Spekulationen eingelassen“ und leide „unter irgendeinem großen Geldverluste“. Die Spekulationen werden hier als mögliche Ursache für seinen körperlichen und seelischen Verfall genannt – die Stadt sucht nach einer Erklärung für seine Schwermut. Zola nutzt das Wort, um Mourets allmählichen Abstieg zu unterstreichen: Der einst so erfolgreiche Geschäftsmann, der sein Vermögen durch solide Arbeit verdiente, wird nun mit dem Verdacht konfrontiert, er habe sich auf unsichere, waghalsige Geschäfte eingelassen – ein Zeichen dafür, dass er die Kontrolle über sein Leben verloren hat.
Rentiers (französisch rentier, von rente = Rente, Einkommen) sind Personen, die von ihrem Vermögen oder von festen Zinseinkünften leben, ohne selbst einer regelmäßigen Erwerbsarbeit nachzugehen. Im 19. Jahrhundert war der Rentier ein typischer Vertreter des wohlhabenden Bürgertums – ein Mann, der sein Geld in Grundbesitz, Staatspapieren oder festverzinslichen Anleihen angelegt hatte und nun ein beschauliches Leben ohne beruflichen Druck führte. Rentiers galten als Inbegriff der bürgerlichen Muße – aber auch als Symbol für gesellschaftliche Stagnation und fehlenden Ehrgeiz. Im Roman werden Mourets Freunde von der Promenade Sauvaire als „kleine Rentiers“ beschrieben – also als bescheidene Privatiers, die ihre Tage mit Spaziergängen und Klatsch verbringen. Die Bezeichnung kleine Rentiers ist doppelt ironisch: Sie haben zwar ein sicheres Auskommen, aber keinen großen Einfluss oder Glanz. Sie sind die Verkörperung der kleinstädtischen, behäbigen Gesellschaftsschicht, die Mouret umgibt und die ihn nicht versteht.
Vettern (von mittelhochdeutsch vetere = Vatersbruder, Onkel, später: Verwandter) ist die männliche Pluralform von Vetter und bedeutet Cousins oder Vettern – also die Söhne von Onkeln und Tanten. Im 19. Jahrhundert war die Bezeichnung Vetter im bürgerlichen und adligen Sprachgebrauch viel verbreiteter als heute und wurde auch für entferntere Verwandte verwendet. Im Roman sagt Mouret über seinen Sohn Serge: „Viel Dümmere – z.B. seine Vettern Rougon – haben eine schöne Laufbahn gemacht.“ Mit den Vettern Rougon sind die Söhne seines Schwagers gemeint – insbesondere der in Paris einflussreiche Eugen Rougon, der später sogar Minister wird. Die Erwähnung der Vettern ist nicht nur familiär, sondern auch ein Hinweis auf den sozialen Aufstieg und die Macht der Rougon-Familie. Mouret vergleicht seinen Sohn mit seinen erfolgreichen Cousins – und erkennt, dass Serge nicht den gleichen Ehrgeiz und die gleiche Eroberungslust hat. Das Wort Vettern verweist hier auf die weit verzweigten Familienbande, die im Roman eine zentrale Rolle für das Verständnis der Machtverhältnisse in Plassans spielen.

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