Die Eroberung von Plassans - Kapitel 21

Deep Reading · Die Eroberung von Plassans · 22. Kapitel

📖 Über dieses Buch · Die Eroberung von Plassans · von Emile Zola

Veröffentlicht 1874 und der vierte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1858 - 1864, Plassans (fiktive Stadt in Südostfrankreich). Es geht um die politischen Machenschaften der katholischen Kirche und des Zweiten Kaiserreichs gegen die unzufriedenen ländlichen Provinzen.

Schlüsselthemen: Die schleichende, zerstörerische Machtübernahme einer Stadt durch die Kirche im Auftrag des bonapartistischen Staates, politische Manipulation, religiöser Fanatismus.

Hauptpersonen: François Mouret (Das Familienoberhaupt, ein schwacher Charakter ohne Durchsetzungsvermögen); Marthe Mouret (geb. Rougon, die Ehefrau von François, leidet an einer Geisteskrankheit und verfällt während des Romans einem religiösen Wahn); Abbé Ovide Faujas (Der zentrale Antagonist des Romans, ein Geistlicher, der als geheimer Agent der Regierung Napoleons III. nach Plassans geschickt wird, um die Stadt für das Kaiserreich zu gewinnen); Frau Faujas (Die Mutter des Abbé, zieht zusammen mit ihrem Sohn bei den Mourets ein); Olympe Trouche (Die Schwester von Abbé Faujas); Trouche (Der Schwager des Abbé)

Handlungsbogen: Abbé Ovide Faujas kommt als Untermieter bei der Familie Mouret an. Er soll als Agent der bonapartistischen Regierung Napoleons III. die Stadt für das Kaiserreich zurückgewinnen. Er nutzt Intrigen und Verleumdung, um Einfluss zu gewinnen. Sein Machtspiel zerstört das Leben der Familie Mouret: Die Hausherrin Marthe verfällt einem religiösen Wahn, und ihr Ehemann François wird unschuldig in eine Irrenanstalt eingewiesen.

Einundzwanzigstes Kapitel
📅 Vorfrühling 1864 📍 Plassans · Provence-Alpes-Côte d'Azur · Südfrankreich

Zusammenfassung

Das Kapitel zeigt den endgültigen Zusammenbruch Marthas und die letzte, verzweifelte Begegnung mit Mouret in der Irrenanstalt, die ihr die schreckliche Gewissheit bringt, dass sie ihn unwiderruflich zerstört hat – und dass sie selbst demselben Schicksal verfallen könnte. Martha, von Gewissensbissen und Angst geplagt, reist überstürzt mit Rosa nach Tulettes, um Mouret zu besuchen. Rosa ist empört über diesen "dummen Einfall" und macht ihrer Herrin heftige Vorwürfe. In Tulettes angekommen, wendet sich Martha an Onkel Macquart, der sie mit Hilfe des Wärters Alexander heimlich in die Anstalt einführt. Mouret empfängt sie zunächst vollkommen ruhig und liebevoll – er spricht von den Kindern, vom Garten, von alltäglichen Dingen, als sei nichts geschehen. Martha ist tief gerührt und glaubt, dass er ihr verziehen hat. Doch plötzlich bricht der Wahnsinn bei ihm aus: Er wirft sich zu Boden, kratzt sich, schlägt sich selbst, röchelt und windet sich – in einer Szene, die Marthas eigene nächtliche Anfälle exakt widerspiegelt. Sie erkennt sich selbst in ihm und begreift, dass sie ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Sie flüstert entsetzt: "Er ist nicht verrückt! ... Das wäre schrecklich!" – doch der Wärter zerrt sie hinaus, und sie muss die Gewissheit ertragen, dass Mouret tatsächlich wahnsinnig ist.

Martha bricht zusammen. Sie wird ohnmächtig und muss zu Macquart gebracht werden, wo sie in einer Art Starrkrampf verfällt. Während sie daliegt, trinken Macquart, Alexander und Rosa Glühwein am Kamin – Macquart macht sich über die Situation lustig und spekuliert laut darüber, was wohl geschehen würde, wenn Mouret eines Nachts zurückkäme und "reinen Tisch" machte. Rosa berichtet, dass sie den Onkel mit einem Priester gesehen habe – vermutlich mit dem Abbé Fenil, der sich in Tulettes aufhält und gegen Faujas intrigiert.Martha erwacht fieberhaft und besteht darauf, sofort nach Plassans zurückzukehren. Macquart fährt sie widerwillig im Karren heim. Im Haus der Mourets angekommen, finden sie die Tür von den Trouches verriegelt vor – sie sind aus ihrem eigenen Haus ausgesperrt. Macquart bringt Martha schließlich zu ihrer Mutter, Félicité Rougon, die entsetzt ist und ihre Tochter zu Bett bringt. Das Kapitel endet mit dem Bild der sterbenden Martha, die mit fieberhaftem Blick im Bett liegt – psychisch und physisch gebrochen, während ihr Haus von den Trouches besetzt ist und der Abbé Faujas weiterhin über Plassans herrscht.

Notizen

„Er ist nicht verrückt! ... Das wäre schrecklich!“ – Martha

🔹 Schlüsselmotiv: Die Spiegelung des Wahnsinns – Martha erkennt sich selbst in Mouret 🔹 Symbol: Die verriegelte Tür – der endgültige Verlust des Hauses und der Heimat

Postwagen (auch Postkutsche, französisch diligence) war im 19. Jahrhundert das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel für Personen und Postsendungen auf dem Land. Es handelte sich um eine große, von mehreren Pferden gezogene Kutsche, die nach einem festen Fahrplan regelmäßig die Poststraßen zwischen Städten und Dörfern befuhr. Der Postwagen hatte meist einen geschlossenen Innenraum (das Coupé) für zahlende Passagiere, der nur über eine kleine Trittstufe zu erreichen war. Auf dem Dach oder an der Rückseite wurden Gepäck, Pakete und die Postsäcke transportiert. Die Fahrt war oft lang, unbequem und bei schlechtem Wetter beschwerlich – ein Postwagen fuhr im Durchschnitt nur etwa 8–10 km/h. Im Roman heißt es: „Der Postwagen von Toulon, der durch Tulettes fuhr, wo haltgemacht ward, ging von Plassans um drei Uhr ab.“ Martha und Rosa besteigen den Postwagen, um nach Tulettes zu fahren. Das Coupé (vom französischen couper = schneiden, abtrennen) ist der geschlossene Fahrgastraum einer Kutsche, der meist Platz für vier bis sechs Personen bot und durch Fenster mit Glasscheiben gegen Wind und Wetter geschützt war. Im Roman heißt es: „Martha saß in der Ecke des Coupés halb ohnmächtig.“ Die Erwähnung des Coupés zeigt, dass Martha sich den teureren, geschützten Platz leistet – ein kleines Detail, das ihre bürgerliche Herkunft und ihre Verzweiflung zugleich sichtbar macht: Sie reist nicht aus Vergnügen, sondern in höchster seelischer Not. Der Postwagen und das Coupé sind bei Zola nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch Symbole der Reise ins Ungewisse – sie tragen Martha von ihrem vertrauten Leben weg in eine Welt der Begegnungen mit der Vergangenheit (ihrem Mann) und der eigenen Schuld.

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