Die Sünde des Abbé Mouret - Zweites Buch - Kapitel 16 - 17

Die Sünde des Abbé Mouret - Zweites Buch - Kapitel 16 - 17

📖 Über dieses Buch · Die Sünde des Abbé Mouret · von Emile Zola

Veröffentlicht 1875 und der fünfte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Kurt Wolff Verlag München | Jahr: 1925 | Übersetzer: Hans-Henning von Voigt

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Zeit und Ort: 1867, Artauds (fiktives Dorf in der Provence) und das Landgut Paradou. Im Mittelpunkt steht der Gegensatz zwischen der katholischen Kirche, durch Abbé Serge Mouret repräsentiert, und der lebendigen, sinnlichen Natur, verkörpert durch den Garten von Paradou.

Schlüsselthemen: Die institutionelle Kälte und der Machtanspruch der Kirche, religiöser Fanatismus und die menschliche Tragödie im Gefangensein zwischen Kirchendoktrin (Zölibat) und der menschlichen Natur (Sexualität).

Hauptpersonen: Serge Mouret (neurotischer Pfarrer, der sein Gedächtnis verliert); Albine (Nichte des Gutsverwalters Jeanbernat, seine Pflegerin und spätere Geliebte); Dr. Pascal Rougon (Mediziner und Wissenschaftler, der Serge heimlich nach Paradou bringt); Jeanbernat (der alte Gutsverwalter); Bruder Archangias (brutaler Mönch).

Handlungsbogen: Der neurotische junge Priester Serge Mouret hat eine Pfarrstelle in dem Dorf Artauds angetreten. Nach einer schweren nervlichen Erkrankung verliert Serge sein Gedächtnis. Auf dem Landgut Paradou wird er von Albine, der Nichte des Eigentümers, gepflegt. Serge kommt langsam wieder zu Kräften und entwickelt eine kindliche Zuneigung zu Albine, aus der allmählich eine geschlechtliche Liebe wird. Die Rückkehr seiner Erinnerung wird durch die Glocken seiner Kirche ausgelöst, woraufhin er Albine verlässt und sein Amt wieder aufnimmt. Albine, die ein Kind von ihm erwartet, nimmt sich das Leben, als sie seine Verweigerung erkennt.

📅 September 1867 📍 Le Paradou (Paradeis) · Provence · Südfrankreich

Zusammenfassung

16
Aus der Umarmung erwachen Sergius und Albine in seliger Einheit – ihre Liebe hat ihn vollständig geheilt, er fühlt sich zum ersten Mal als ganzer Mann. Doch während Sergius gestärkt und sicher ist, überkommt Albine eine tiefe Unruhe. Sie hört Stimmen im Laub, spürt spottende Blicke und fürchtet, dass jemand sie beobachtet. In ihrer Scham bekleidet sie sich mit Blättern und Zweigen, um ihre Nacktheit zu verbergen. Auf der Flucht vor den unsichtbaren Verfolgern stoßen sie auf die eingestürzte Mauer des Gartens – die Bresche, die Albine einst verschlossen hatte, ist wieder geöffnet.

17
Durch die Lücke erblickt Sergius das Dorf Artaud – die Hütten, den Friedhof, die Kirche. Die Erinnerung kehrt mit brutaler Gewalt zurück. Das Angelusläuten der Glocke durchdringt ihn wie ein Schlag, er erkennt sein altes Leben, er vermisst seine Tonsur, sein Bart ekelt ihn an – er ist wieder der Priester. In diesem Augenblick erscheint Bruder Archangias in der Mauerbresche und zerrt Sergius aus dem Garten, indem er Albine als "Dirne" und "Schlange" beschimpft. Sergius folgt ihm willenlos, während Albine verzweifelt die Arme nach ihm ausstreckt und dann, von Gram zerbrochen, in die Tiefen des Gartens flieht.

Notizen

»Mein Gott!« rief Sergius und brach in die Knie, wie gefällt vom leisen Glockenwehen.

Themen

  • Die Rückkehr der Erinnerung – Der Anblick des Dorfes und das Angelusläuten brechen wie eine Flut über Sergius herein – sein altes Ich erwacht und verdrängt das neue.
  • Die Zerstörung des Paradieses – Die eingestürzte Mauer ist das Symbol für das Eindringen der Welt – der Garten verliert seine magische Geschlossenheit.
  • Die Ohnmacht der Liebe – Albine kann Sergius nicht halten, ihre Liebe zerbricht an der Macht der Erinnerung und der Stimme der Kirche.
  • Die Gewalt der Institution – Bruder Archangias tritt als rohe, gewalttätige Verkörperung der Kirche auf, die Sergius mit physischer und psychischer Gewalt zurückholt.
Das Angelusläuten – Das Angelus-Gebet wird in der katholischen Kirche dreimal täglich (morgens, mittags, abends) mit einem dreifachen Glockenzeichen verkündet. Es erinnert an die Menschwerdung Christi und an die Verkündigung an Maria. Für Sergius ist das Glockenläuten das Signal seiner Rückkehr – es durchbricht den Bann des Gartens und ruft sein altes Ich wach. Die Glocke ist die Stimme der Kirche, die stärker ist als die Stimme der Natur und der Liebe. Ihr Klang ist für Sergius nicht nur Erinnerung, sondern Befehl – er zwingt ihn in die Knie und löscht die Erinnerung an Albine fast vollständig aus.
Die Rückkehr der Erinnerung – Sergius' Gedächtnis kehrt nicht allmählich, sondern schlagartig und brutal zurück. Der Anblick des Dorfes, der Menschen und vor allem das Glockenläuten brechen wie ein Damm durch seine Amnesie. Er erkennt jeden Bauern, jedes Kind, selbst den Hund – seine ganze Vergangenheit steht plötzlich vor ihm. Diese plötzliche Wiederherstellung des alten Ichs ist ein zentraler Wendepunkt des Romans: Die Liebe zu Albine wird von der Erinnerung an seine religiöse Berufung überwältigt und ausgelöscht.
Die eingestürzte Mauer – Die Mauer um den Garten ist die Grenze zwischen zwei Welten: der geschlossenen Idylle von Paradou und der realen, von Kirche und Pflicht geprägten Welt. Die Bresche ist von Albine einst hastig mit Dornen und Steinen verschlossen worden – ein Versuch, die Welt draußen auszusperren. Doch nun ist sie wieder geöffnet, die Dornen sind zerrissen, die Steine fortgeschleudert – als ob eine unsichtbare Macht den Weg freigelegt hätte. Die Mauer ist ein Symbol für die Unmöglichkeit, dem eigenen Schicksal zu entfliehen.
Bruder Archangias – Er ist die rohe, gewalttätige Inkarnation der Kirche. Ohne jeden Hauch von Milde oder Verständnis zerrt er Sergius aus dem Garten und beschimpft Albine als "Dirne" und "Schlange". Er ist der Antipode des Gartens: Wo der Garten Leben und Fülle schenkt, bringt Archangias Tod und Verurteilung. Sein Auftauchen ist die Zerstörung des Paradieses – er ist der Engel mit dem Flammenschwert, der Adam und Eva vertreibt.
Die plötzliche Scham – Nach der Vereinigung und noch auf der Lichtung waren Sergius und Albine von einer seligen, schamfreien Unschuld erfüllt. Doch auf dem Rückweg überkommt sie urplötzlich eine peinigende Scham: Albine bedeckt ihre Nacktheit mit Blättern, Sergius folgt ihrem Beispiel. Diese Scham ist nicht natürlichen Ursprungs – sie ist das erste Eindringen der gesellschaftlichen und religiösen Moral in den Garten. Die Scham ist der Vorbote der Vertreibung, der Beginn des Sündenbewusstseins, das Sergius zurück in die Arme der Kirche treibt.

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