Seine Excellenz Eugène Rougon - Zwölftes Kapitel

Seine Excellenz Eugène Rougon - Zwölftes Kapitel

📖 Über dieses Buch · Seine Excellenz Eugène Rougon · von Emile Zola

Veröffentlicht 1876 und der sechste Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag Berlin Wien | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1856 - 1861, Paris. Eugène Rougon ist ein ehrgeiziger Minister im Zweiten Kaiserreich, der nach einem Karrieretief 1857 durch geschicktes Taktieren und die Ausnutzung eines Attentats wieder an die Macht gelangt. Der Machterhalt ist jedoch zerbrechlich, denn Rougon muss nicht nur gegen politische Widersacher, sondern auch gegen die zunehmende Undankbarkeit seiner eigenen Anhängerschaft kämpfen.

Schlüsselthemen: Korruption, persönliche Rache und moralische Verwerfungen der Machtpolitik, die nicht auf Idealen, sondern auf Intrigen, Opportunismus und dem ständigen Kalkül des eigenen Vorteils beruht.

Hauptpersonen: Eugène Rougon (Minister); Clorinde Balbi (abgewiesene frühere Geliebte, nun gefährliche Gegenspielerin); Napoleon III. (der Kaiser); Herr Delestang (schwachmütiger, leicht beeinflussbarer Mann, der auf Rougons Anraten Clorinde heiratet).

Handlungsbogen: Eugène Rougon tritt 1857 nach einem Konflikt mit dem Kaiser zurück und verliert seine Anhänger. Er bleibt beim Attentat auf Napoleon III. tatenlos, wird danach zum Innenminister ernannt und rächt sich an den Gegnern. Seine Gefolgsleute werden undankbar und arbeiten gegen ihn, während Clorinde Balbi zur einflussreichen Gegenspielerin aufsteigt. Auf Clorindes Rat bietet Rougon seinen Rücktritt an – und der Kaiser nimmt ihn an und ernennt ihren Delestang zum Nachfolger. 1862 kehrt Rougon als Minister ohne Geschäftsbereich zurück, um Italien zu einigen – doch in Wahrheit soll er den Widerstand niederhalten.

📅 Mai – Juni 1858 📍 Paris · Kolosseumstraße · Wohnung Delestang

Zusammenfassung

Clorinde hat ihren Einfluss auf dem Höhepunkt ihrer Macht – sie empfängt Bankiers, Diplomaten und Politiker in ihrem chaotischen Schlafzimmer, betreibt internationale Politik und spinnt ihre eigenen Intrigen. Die Donnerstagabende bei ihr sind zum Gegenentwurf zu Rougons Salon geworden: Hier wird der Minister offen kritisiert, seine Freunde sind unzufrieden und bereit, ihn fallen zu lassen. Delestang wird als sein Nachfolger aufgebaut – der schöne, hohle Gefolgsmann, den Clorinde lenkt wie eine Marionette.

Die entscheidende Wende bringt die Geschichte der Charbonnels: Rougon lässt auf ihren Antrag hin ein Kloster durchsuchen – ein Skandal, der den frommen Kreisen, der Kaiserin und dem Senat gleichermaßen missfällt. Herr von Plouguern bringt die Nachricht in Clorindes Salon. Die Gesellschaft ist empört, Clorinde triumphiert insgeheim. Sie bekreuzigt sich und flüstert: »Er hat an den lieben Herrgott zu rühren gewagt, er ist geliefert.« Rougons Sturz ist beschlossene Sache – und Clorinde hat ihn vorbereitet.

Clorindes Aufstieg zur Macht – Clorinde ist nicht mehr die Schülerin, sondern eine eigenständige Macht. Sie verfügt über ein Netzwerk von Bankiers, Diplomaten und Informanten. Ihr Einfluss ist unsichtbar, aber real – sie ist die Herrin im Hintergrund.

Die Undankbarkeit der Freunde – Rougons Gefolgsleute haben alles von ihm erhalten – und hassen ihn dafür. Sie sind unzufrieden, eifersüchtig, bereit zum Verrat. Ihre Loyalität war nie eine Überzeugung, sondern ein Geschäft – und das Geschäft hat sich nicht gelohnt.

Der Klosterskandal als Wendepunkt – Die Haussuchung im Kloster ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Rougon hat die frommen Kreise gegen sich aufgebracht – die Kaiserin, den Senat, die katholische Öffentlichkeit. Der Skandal ist seine Achillesferse.

Clorindes Rache – vollendet – Clorinde hat Rougon aufgebaut, um ihn zu zerstören. Ihre Zurückweisung war keine Laune, sondern ein Plan. Sie hat ihn allmächtig gemacht, um ihn nun fallen zu sehen. Ihr Triumph ist vollkommen – und grausam.

Notizen

»Er hat an den lieben Herrgott zu rühren gewagt, er ist geliefert.« – Clorinde Balbi über Rougon

Ausholen – Im Originaltext heißt es: „Aussi avait-elle une cour, des banquiers, des diplomates, des intimes, qui venaient pour tâcher de la confesser.“ Die deutsche Übersetzung lautet: „Auch hatte sie einen Hof: Bankiers, Diplomaten und Vertraute, die kamen, um sie auszuholen.“ Im Duden wird angegeben, dass „ausholen“ ein veralteter Begriff für „aushorchen“ ist – also jemanden durch geschickte Fragen zum Reden bringen. Das Wort unterstreicht Clorindes Rolle als Machtzentrum, zu dem die Mächtigen kommen, um Informationen zu erhalten.
Clorinde in Männerkleidern – Im 19. Jahrhundert war das Tragen von Männerkleidung für Frauen ein Skandal – und ein Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung. Indem sie Männerkleider anzieht, parodiert sie die männliche Herrschaftswelt; das Kostüm ist ein Symbol für ihre Weigerung, sich in die Rolle der braven Ehefrau oder salonfähigen Dame pressen zu lassen. In Frankreich war es Frauen damals sogar offiziell verboten, Hosen zu tragen – eine politische Maßnahme aus dem Jahr 1800, die verhindern sollte, dass Frauen durch „Männerkleidung“ an die Revolution und die Kämpfe der vorangegangenen Jahre erinnerten. Die wenigen Frauen, die gegen dieses Verbot verstießen oder offiziell Hosen tragen wollten, mussten sich beim Pariser Polizeipräfekten eine polizeiliche Sondergenehmigung einholen.
Krauseminzpastillen – Süße Pastillen waren im 19. Jahrhundert sehr populär. Sie wurden oft als Hausrezept hergestellt, aber auch von Apotheken angeboten. Die Krauseminze war dabei eine wohlschmeckende und in der Medizin geschätzte Alternative zur Pfefferminze. Der Genuss solcher Pastillen war ein kleines Privileg der Wohlhabenden, die sich solche Delikatessen leisten und ihre Zeit mit dem Naschen verbringen konnten. Dass die Gräfin Balbi in Clorindes Salon Krauseminzpastillen knuspert, zeigt ihre vornehme – und naschhafte – Seite.
Das kirchliche Asylrecht war jahrhundertealt. Kirchen und Klöster galten als heilige Orte, die Schutz und Zuflucht vor weltlicher Verfolgung boten. Während der Französischen Revolution kam es zu massiven staatlichen Übergriffen auf die Kirche: Klöster wurden aufgelöst, ihr Eigentum konfisziert und Nonnen sowie Mönche gewaltsam vertrieben oder hingerichtet. Diese traumatischen Ereignisse waren im kollektiven Gedächtnis tief verankert. Ein erneuter staatlicher Angriff auf ein Kloster – selbst in Form einer Hausdurchsuchung – konnte daher unweigerlich an diese revolutionären Gräuel erinnern. Die Klöster waren im 19. Jahrhundert zwar wieder im Entstehen, aber ihre Existenz war nicht selbstverständlich. Sie waren oft das Ergebnis eines behutsamen Wiederaufbaus, der die konziliante Haltung des Staates voraussetzte. Ein erzwungener staatlicher Eingriff drohte dieses fragile Gleichgewicht zwischen Kirche und Staat zu zerstören – genau das, was Rougon mit seiner Haussuchung bei den Nonnen riskierte.

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