Seine Excellenz Eugène Rougon - Vierzehntes Kapitel

Seine Excellenz Eugène Rougon - Vierzehntes Kapitel

📖 Über dieses Buch · Seine Excellenz Eugène Rougon · von Emile Zola

Veröffentlicht 1876 und der sechste Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag Berlin Wien | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1856 - 1862, Paris. Eugène Rougon ist ein ehrgeiziger Minister im Zweiten Kaiserreich, der nach einem Karrieretief 1857 durch geschicktes Taktieren und die Ausnutzung eines Attentats wieder an die Macht gelangt. Der Machterhalt ist jedoch zerbrechlich, denn Rougon muss nicht nur gegen politische Widersacher, sondern auch gegen die zunehmende Undankbarkeit seiner eigenen Anhängerschaft kämpfen.

Schlüsselthemen: Korruption, persönliche Rache und moralische Verwerfungen der Machtpolitik, die nicht auf Idealen, sondern auf Intrigen, Opportunismus und dem ständigen Kalkül des eigenen Vorteils beruht.

Hauptpersonen: Eugène Rougon (Minister); Clorinde Balbi (abgewiesene frühere Geliebte, nun gefährliche Gegenspielerin); Napoleon III. (der Kaiser); Herr Delestang (schwachmütiger, leicht beeinflussbarer Mann, der auf Rougons Anraten Clorinde heiratet).

Handlungsbogen: Eugène Rougon tritt 1857 nach einem Konflikt mit dem Kaiser zurück und verliert seine Anhänger. Er bleibt beim Attentat auf Napoleon III. tatenlos, wird danach zum Innenminister ernannt und rächt sich an den Gegnern. Seine Gefolgsleute werden undankbar und arbeiten gegen ihn, während Clorinde Balbi zur einflussreichen Gegenspielerin aufsteigt. Auf Clorindes Rat bietet Rougon seinen Rücktritt an – und der Kaiser nimmt ihn an und ernennt ihren Delestang zum Nachfolger. 1862 kehrt Rougon als Minister ohne Geschäftsbereich zurück, um Italien zu einigen – doch in Wahrheit soll er den Widerstand niederhalten.

📅 März 1861 📍 Paris · Palais Bourbon · Gesetzgebende Versammlung

Zusammenfassung

Drei Jahre nach seinem Sturz, im März 1861, steht Rougon als Minister ohne Portefeuille erneut auf der Rednertribüne des gesetzgebenden Körpers – als Verteidiger des "liberalen Kaiserreichs". Die Sitzung ist stürmisch: Ein Abgeordneter der Linken hat den Staatsstreich von 1851 als "Verbrechen" bezeichnet. Rougon hält eine glänzende Rede, in der er sich vom ehemaligen Minister der Unterdrückung zum Anwalt der Freiheit wandelt – eine Verleugnung seiner eigenen Vergangenheit.

Der Kaiser hat ihn zurückgeholt, weil er einen starken Mann braucht, der die neue liberale Politik in der Kammer vertritt. Rougon beugt sich dem Wandel der Zeiten, verurteilt seine früheren Handlungen nicht, aber er spricht jetzt von Freiheit, Pressefreiheit und Parlamentarismus – alles, was er einst bekämpft hat. Am Ende des Kapitels tritt Clorinde auf ihn zu und sagt: »Sie sind doch ein gewaltiger Mann!« – eine Anerkennung, die zeigt, dass Rougon seinen Kampf zurück in die Macht gewonnen hat.

Die Metamorphose des Politikers – Rougons "Wiedergeburt" im vierzehnten Kapitel ist keine moralische Läuterung, sondern ein Akt politischen Pragmatismus. Seine Rede ist nicht etwa eine bekehrte Überzeugung, sondern eine auf die neuen Umstände angepasste Strategie, um seine Macht zu sichern.

Das liberale Kaiserreich als neue Maske – Das "liberale Kaiserreich" ist keine echte Wende, sondern eine neue Inszenierung. Der Kaiser gibt der Kammer mehr Redefreiheit, um die Opposition zu besänftigen – aber die Macht bleibt in seinen Händen. Rougon wird zum Vollstrecker dieser neuen Politik.

Die Unbeugsamkeit der Opposition – Die fünf Abgeordneten der Linken, die den Staatsstreich als "Verbrechen" bezeichnen, sind die Vorhut einer neuen politischen Ära. Ihre Stimme ist schwach, aber sie ist da – und sie wird lauter werden.

Clorindes letzte Anerkennung – Clorinde, die Rougon gestürzt hat, erkennt nun seine Größe an. Ihr Ausruf "Sie sind doch ein gewaltiger Mann!" ist keine Kapitulation, sondern eine Anerkennung seines politischen Überlebenswillens. Der Kampf zwischen ihnen ist nicht vorbei – aber er hat eine neue Phase erreicht.

Notizen

»Sie sind doch ein gewaltiger Mann!« – Clorinde Balbi zu Rougon nach seiner Rede.

Das liberale Kaiserreich – Ab 1860 leitete Napoleon III. eine schrittweise Liberalisierung seines Regimes ein. Die "Novemberbeschlüsse" von 1860 gaben dem Parlament mehr Rechte, die Pressefreiheit wurde ausgeweitet. Rougon, einst der Inbegriff der Unterdrückung, wird zum Verteidiger dieser neuen Politik – eine vollständige Kehrtwende, die seine politische Flexibilität zeigt.
Der Staatsstreich von 1851 – Am 2. Dezember 1851 putschte Louis-Napoléon Bonaparte gegen die Verfassung der Zweiten Republik. Er löste die Nationalversammlung auf, ließ Tausende Republikaner verhaften und proklamierte ein Jahr später das Zweite Kaiserreich. Der Abgeordnete der Linken bezeichnet diesen Staatsstreich in seiner Rede als "Verbrechen" – ein Wort, das in der Kammer für einen Skandal sorgt.
Die Adresse – Die "Adresse" war die Antwort des gesetzgebenden Körpers auf die Thronrede des Kaisers. Sie war ein zentrales Instrument der parlamentarischen Kontrolle im Zweiten Kaiserreich. Die Opposition nutzte die Adresse, um ihre Kritik an der Regierung zu formulieren – wie in dieser Sitzung, wo die Linke den ersten Absatz der Adresse ablehnte.
Der Italienische Krieg – Gemeint ist der Sardinische Krieg von 1859, auch bekannt als Zweiter Italienischer Unabhängigkeitskrieg. In diesem Krieg kämpfte das Kaiserreich Frankreich an der Seite des Königreichs Piemont-Sardinien gegen das Kaisertum Österreich. Der Krieg endete mit dem Frieden von Villafranca und ebnete den Weg für die italienische Einigung. Rougon bezieht sich auf diesen Krieg, als er von der "Vollkraft des Genies" des Kaisers spricht.
Die Novemberbeschlüsse von 1860 – Die von La Rouquette gelobten "Novemberbeschlüsse" und die gesamte politische Neuausrichtung, die er hier skizziert, beziehen sich auf eine der folgenreichsten innenpolitischen Wenden des Zweiten Kaiserreichs: den schrittweisen Übergang von einem autoritären zu einem liberaleren Regime. Die wichtigsten Neuerungen waren: das Recht auf Adressen – das Parlament erhielt das Recht, auf die Thronrede des Kaisers eine Antwort ("Adresse") zu verfassen und darüber abzustimmen; die Veröffentlichung des Budgets – die Haushaltsdebatten des Parlaments wurden öffentlich gemacht, um mehr Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit herzustellen; und die Stärkung der Kammer – die gesetzgebende Körperschaft sollte mehr Einfluss auf die Budgetgestaltung erhalten. Rougon verteidigt diese Reformen in seiner Rede, obwohl er selbst ihr schärfster Gegner war.
Der zweite Rang der Galerie – Zu Beginn des Romans, im Jahr 1856, wird der zweite Rang der Galerie nicht einfach nur geschlossen erwähnt, sondern als ein nachlässig und provisorisch zugebauter Ort beschrieben. Dies ist ein Symbol für die Verachtung der öffentlichen Meinung im autoritären Staat: Das Parlament ist kein Ort der offenen Debatte, sondern eine abgeschottete Bühne der Macht. Bürger und Presse sind unerwünscht, und der Raum wird kurzerhand vernagelt. In der großen Schlussszene, drei Jahre später, ist dieser zweite Rang nun nicht nur wieder geöffnet, sondern es gibt eine eigene Journalistentribüne und die Publikumsgalerien sind gefüllt. Diese bauliche Veränderung ist eine direkte Folge der sogenannten "liberalen Wende" des Kaiserreichs. Die Regierung gibt vor, dem Parlament mehr Freiheiten zu gewähren und es für die Öffentlichkeit zugänglicher zu machen.

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