Die Eroberung von Plassans - Kapitel 15

Deep Reading · Die Eroberung von Plassans · 15. Kapitel

📖 Über dieses Buch · Die Eroberung von Plassans · von Emile Zola

Veröffentlicht 1874 und der vierte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1858 - 1864, Plassans (fiktive Stadt in Südostfrankreich. Es geht um die politischen Machenschaften der katholischen Kirche und des Zweiten Kaiserreichs gegen die unzufriedenen ländlichen Provinzen.

Schlüsselthemen: Die schleichende, zerstörerische Machtübernahme einer Stadt durch die Kirche im Auftrag des bonapartistischen Staates, politische Manipulation, religiöser Fanatismus.

Hauptpersonen: François Mouret (Das Familienoberhaupt, ein schwacher Charakter ohne Durchsetzungsvermögen); Marthe Mouret (geb. Rougon, die Ehefrau von François, leidet an einer Geisteskrankheit und verfällt während des Romans einem religiösen Wahn); Abbé Ovide Faujas (Der zentrale Antagonist des Romans, ein Geistlicher, der als geheimer Agent der Regierung Napoleons III. nach Plassans geschickt wird, um die Stadt für das Kaiserreich zu gewinnen); Frau Faujas (Die Mutter des Abbé, zieht zusammen mit ihrem Sohn bei den Mourets ein); Olympe Trouche (Die Schwester von Abbé Faujas); Trouche (Der Schwager des Abbé)

Handlungsbogen: Abbé Ovide Faujas kommt als Untermieter bei der Familie Mouret an. Er soll als Agent der bonapartistischen Regierung Napoleons III. die Stadt für das Kaiserreich zurückgewinnen. Er nutzt Intrigen und Verleumdung, um Einfluss zu gewinnen. Sein Machtspiel zerstört das Leben der Familie Mouret: Die Hausherrin Marthe verfällt einem religiösen Wahn, und ihr Ehemann François wird unschuldig in eine Irrenanstalt eingewiesen.

Fünfzehntes Kapitel
📅 Sommer - Herbst 1861 📍 Plassans · Provence-Alpes-Côte d'Azur · Südfrankreich

Zusammenfassung

Das Kapitel zeigt den moralischen und psychologischen Verfall Marthas unter dem Einfluss des Abbé Faujas, ihre zunehmende Entfremdung von Mouret und die geschickte Manipulation durch die Trouches, die sie finanziell ausbeuten. Martha, von einer krankhaften Frömmigkeit erfasst, sucht verzweifelt die Nähe des Abbé Faujas. Sie lauert ihm in der Kirche auf und will bei ihm beichten, doch er behandelt sie streng und abweisend – er fürchtet den Skandal und hält sie auf Distanz. Gleichzeitig wird sie von Frau Paloque belauscht, die bereits Intrigen spinnt, um den Abbé zu stürzen. Zu Hause wird Martha zunehmend zänkisch und lehnt sich gegen Mouret auf. Sie wirft ihm Geiz vor, da sie kein eigenes Geld hat und sich nicht einmal Schuhe oder Kleider kaufen kann. Auf Anstiften der Köchin Rosa und der intriganten Olympia Trouche beginnt sie, heimlich Haushaltsgegenstände zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Als Mouret das entdeckt, kommt es zum ersten offenen Streit – Martha verlangt fünfhundert Franken und zwingt ihn, ihr den Schlüssel zum gemeinsamen Geldkasten zu geben. Mouret bricht zusammen und verbringt die Nacht weinend im Sessel.

Martha beginnt nun, systematisch Geld aus der gemeinsamen Kasse zu nehmen, um die angeblichen Schulden des Abbé Faujas zu begleichen – tatsächlich aber wird sie von Olympia Trouche ausgenommen, die ihr immer neue Geschichten von drohenden Wechseln und Skandalen erzählt. Martha wird geizig, hinterhältig und verliert jedes Maß. Sie beichtet nicht mehr in der Kirche, sondern heimlich im Betsaal der Anstalt der heiligen Jungfrau, begleitet von der wachsamen Madame Faujas. Höhepunkt des Kapitels ist eine Szene, in der Madame Paloque, die Martha und den Abbé belauert, in den Betsaal eindringen will, aber von der alten Madame Faujas mit brutaler Gewalt daran gehindert wird. Der Abbé erscheint, nimmt die Situation souverän in den Griff und weist seine Mutter zurecht – doch es wird klar, dass Martha und er in einem gefährlichen, von der Stadt misstrauisch beobachteten Verhältnis stehen. Der Priester, der sonst alles kontrolliert, zeigt sich hier beunruhigt – er fürchtet, dass Marthas unkontrollierte Leidenschaft und die Neugier der Stadt ihn zu Fall bringen könnten. Das Kapitel endet mit seinem stolzen Ausspruch: "Die keuschen Menschen sind allein die Starken." – doch es ist fraglich, ob er diese Reinheit noch bewahren kann.

Notizen

"Die keuschen Menschen sind allein die Starken." – Abbé Faujas

🔹 Schlüsselmotiv: Der moralische und finanzielle Verfall Marthas als Werkzeug der Macht 🔹 Symbol: Der Betsaal der Anstalt – der verborgene Ort der heimlichen Beichte und der wachsenden Abhängigkeit

Liebkosung (von liebkosen = zärtlich streicheln, herzen) bezeichnet eine zärtliche, liebevolle Berührung oder Streicheleinheit – wie eine Umarmung, einen Kuss oder eine sanfte Berührung mit der Hand. Der Begriff wird im 19. Jahrhundert häufig in erotischen, aber auch in religiösen und spirituellen Kontexten verwendet, um eine zärtliche, hingebungsvolle Nähe zu beschreiben. Im Roman heißt es über Martha: „Ein Glück, das ihr genügte, das sie mit ihren schönen vergangenen Jahren erfüllte, das sie selbstsüchtig für sich leben ließ mit allen den neuen Empfindungen beschäftigt, die wie Liebkosungen in ihr erwachten.“ Die Liebkosungen stehen hier nicht für körperliche Zärtlichkeiten, sondern für die seelischen Erschütterungen ihrer neu erwachten Frömmigkeit – die religiöse Erfahrung wird mit der Sprache der sinnlichen Liebe beschrieben. Zola zeigt, wie Marthas religiöse Ekstase eine Art Ersatz für das fehlende emotionale Leben in ihrer Ehe wird: Die Liebkosungen der Gnade, die sie im Gebet und in der Beichte erfährt, sind intensiver als alles, was sie je von ihrem Mann empfangen hat. Die Metaphorik unterstreicht die erotische Unterströmung von Marthas Frömmigkeit, die in der Kleinstadt Plassans Skandal und Verleumdung hervorruft.
Franken, Sous und Centime sind die Währungseinheiten des französischen Münzsystems, das 1795 mit dem Franc germinal eingeführt wurde und bis zur Einführung des Euro im Jahr 2002 galt. Die Umrechnung war einfach: 1 Franc (F) = 100 Centimes; der Sou (von lateinisch solidus) war eine alte Bezeichnung für das 5-Centime-Stück, also 20 Sous = 1 Franc. Im Alltag des 19. Jahrhunderts rechnete man oft in Sous, weil es sich bei kleinen Beträgen natürlicher anfühlte – ein Sou entsprach etwa dem Preis für ein Brot oder eine Zeitung. Im Roman wird oft von Hundertsousstück oder Zwanzigsousstück gesprochen: Ein Hundertsousstück sind 5 Francs, ein Zwanzigsousstück ist 1 Franc. Ein Centime ist der kleinste Münzwert – vergleichbar mit einem Rappen oder Pfennig. Martha kann sich nicht einmal einen Centime (also einen winzigen Betrag) leisten – ein Ausdruck ihrer völligen finanziellen Abhängigkeit von ihrem geizigen Mann. Die ständige Geldnot, über die Zola in präzisen Münzbeträgen berichtet, ist ein zentrales Motiv des Romans: Die Unterdrückung Marthas durch Mouret beginnt nicht mit körperlicher Gewalt, sondern mit der Verweigerung von Hundertsousstücken und Zwanzigsousstücken. Die Währung wird zur Waffe der Kontrolle.
Hostienkelch (auch Ziborium oder Ciborium) ist ein kostbares liturgisches Gefäß in der katholischen Kirche, das zur Aufbewahrung der geweihten Hostien (der eucharistischen Brotstücke) dient. Es ähnelt einem Kelch mit einem Deckel, oft aus vergoldetem Silber oder Gold gefertigt und mit Edelsteinen verziert. Der Hostienkelch wird auf dem Altar aufbewahrt und bei der Kommunion verwendet, um den Gläubigen die geweihte Hostie zu reichen. Im 19. Jahrhundert war die Anschaffung eines prächtigen Hostienkelches ein häufiges Geschenk frommer Damen oder kirchlicher Bruderschaften an ihre Gemeinde – ein Zeichen von Frömmigkeit und zugleich von gesellschaftlichem Prestige. Im Roman heißt es: „Wenn die Damen des Werkes von der heiligen Jungfrau der Kathedrale irgendein Geschenk machten wie einen Hostienkelch, ein silbernes Kreuz oder eine Fahne, war Martha ganz beschämt.“ Der Hostienkelch ist hier nicht nur ein religiöses Objekt, sondern ein Statussymbol – eine fromme Frau, die sich keinen Hostienkelch leisten kann, fühlt sich in der Gesellschaft der großzügigen Stifterinnen beschämt. Marthas Unvermögen, der Kirche etwas zu schenken, wird zum Ausdruck ihrer Ohnmacht gegenüber der Gesellschaft von Plassans.
Meßkännchen (französisch buires oder cruches) sind zwei kleine liturgische Gefäße aus Edelmetall, die bei der katholischen Messe verwendet werden: ein Kännchen für Wein und eines für Wasser, die der Priester während der Vorbereitung der Gaben in den Kelch gießt. Die Ziselierung (von französisch ciseler = fein meißeln, gravieren) ist eine kunstvolle Gravur- oder Treibarbeit auf Metall, bei der feine Muster, Ornamente oder Blumen in das Silber oder Gold eingraviert werden. Im 19. Jahrhundert waren ziselierte Meßkännchen ein beliebtes Geschenk frommer Damen an ihre Kirche – sie waren ein Zeichen von Wohlstand, Geschmack und tiefer Frömmigkeit. Im Roman entdeckt Martha „in der Goldschmiedstraße kleine ziselierte Meßkännchen aus Silber“ und kauft sie heimlich von ihrem heimlich ersparten Geld, um sie dem Abbé Faujas zu schenken. Die ziselierten Meßkännchen sind für Martha nicht nur ein frommes Geschenk, sondern ein Akt heimlicher Liebe – sie steckt ihre ganze Sehnsucht und ihre verbotene Zuneigung in dieses kleine, kunstvolle Objekt, das sie vor der Gesellschaft verbergen muss. Die Ziselierung, die feine Verzierung, spiegelt ihre eigene innere Verfeinerung und zugleich ihre Geheimniskrämerei wider.
Wechsel (französisch lettre de change, englisch bill of exchange) ist ein schriftliches Zahlungsversprechen, das im kaufmännischen und privaten Geschäftsleben des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war. Ein Wechsel ist ein Dokument, in dem sich der Aussteller (der Schuldner) verpflichtet, eine bestimmte Summe zu einem festgelegten Termin an den Inhaber des Wechsels (den Gläubiger) zu zahlen. Wechsel konnten weitergegeben (indossiert) werden, sodass sie wie eine Art Bargeld zirkulierten – eine frühe Form der Kreditwirtschaft. Wechsel waren juristisch hoch verbindlich; wer einen Wechsel nicht einlöste, wurde „wechselunfähig“ und verlor sein Ansehen – oder landete sogar im Schuldgefängnis. Im Roman spricht Olympia Trouche von „Wechseln, die auf den Namen des Priesters“ ausgestellt seien und droht Martha, dass diese „in einer Zeitung von Plassans“ veröffentlicht würden, wenn sie nicht bezahlt würden. Die Drohung mit der Wechsel-Veröffentlichung war im 19. Jahrhundert eine der wirksamsten Methoden der Erpressung: Sie bedeutete die öffentliche Bloßstellung eines hochgestellten Schuldners (hier eines Priesters) und damit den Verlust seines Rufes und seiner Stellung. Die Wechsel werden bei Zola zum Symbol für die heimliche, finstere Vergangenheit der Trouches, die den Abbé Faujas zu erpressen drohen – und damit sein mühsam aufgebautes Werk in Plassans zu zerstren drohen.
Selbstverleugnung (von sich selbst verleugnen) bezeichnet die bewusste Unterdrückung der eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Interessen zugunsten einer höheren Sache – sei es für eine andere Person, für eine Idee, für den Glauben oder für das Gemeinwohl. Im 19. Jahrhundert galt Selbstverleugnung als besondere Tugend, besonders bei Frauen und in religiösen Kreisen – eine Frau, die sich selbst verleugnete, stellte ihre Familie, ihren Mann oder die Kirche über ihre eigene Person. Im Roman wirft Martha ihrem Mann Mouret seine mangelnde Anerkennung ihrer Opfer vor: „[…] von ihren in Selbstverleugnung verlebten fünfzehn Jahren, die sie in Marseille am Ladentische mit der Feder hinter dem Ohre wie ein Handlungsgehilfe zugebracht habe.“ Sie erinnert ihn daran, dass sie in den gemeinsamen fünfzehn Jahren alles für ihn geopfert hat – ihre Jugend, ihre Träume, ihre Selbstständigkeit. Die Selbstverleugnung wird hier zur Anklage: Mouret hat ihr Opfer nicht nur vergessen, sondern missachtet und mit Geiz und Gleichgültigkeit bestraft. Marthas spätere Flucht in die Frömmigkeit ist nichts anderes als eine Fortsetzung dieser Selbstverleugnung – aber jetzt nicht mehr für einen undankbaren Mann, sondern für einen Gott, der ihre Hingabe (vielleicht) belohnen wird.

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