Die Eroberung von Plassans - Kapitel 16

Deep Reading · Die Eroberung von Plassans · 16. Kapitel

📖 Über dieses Buch · Die Eroberung von Plassans · von Emile Zola

Veröffentlicht 1874 und der vierte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Benjamin Harz Verlag | Jahr: 1923 | Übersetzer: Armin Schwarz

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Zeit und Ort: 1858 - 1864, Plassans (fiktive Stadt in Südostfrankreich. Es geht um die politischen Machenschaften der katholischen Kirche und des Zweiten Kaiserreichs gegen die unzufriedenen ländlichen Provinzen.

Schlüsselthemen: Die schleichende, zerstörerische Machtübernahme einer Stadt durch die Kirche im Auftrag des bonapartistischen Staates, politische Manipulation, religiöser Fanatismus.

Hauptpersonen: François Mouret (Das Familienoberhaupt, ein schwacher Charakter ohne Durchsetzungsvermögen); Marthe Mouret (geb. Rougon, die Ehefrau von François, leidet an einer Geisteskrankheit und verfällt während des Romans einem religiösen Wahn); Abbé Ovide Faujas (Der zentrale Antagonist des Romans, ein Geistlicher, der als geheimer Agent der Regierung Napoleons III. nach Plassans geschickt wird, um die Stadt für das Kaiserreich zu gewinnen); Frau Faujas (Die Mutter des Abbé, zieht zusammen mit ihrem Sohn bei den Mourets ein); Olympe Trouche (Die Schwester von Abbé Faujas); Trouche (Der Schwager des Abbé)

Handlungsbogen: Abbé Ovide Faujas kommt als Untermieter bei der Familie Mouret an. Er soll als Agent der bonapartistischen Regierung Napoleons III. die Stadt für das Kaiserreich zurückgewinnen. Er nutzt Intrigen und Verleumdung, um Einfluss zu gewinnen. Sein Machtspiel zerstört das Leben der Familie Mouret: Die Hausherrin Marthe verfällt einem religiösen Wahn, und ihr Ehemann François wird unschuldig in eine Irrenanstalt eingewiesen.

Sechzehntes Kapitel
📅 Winter 1861 - Sommer 1862 📍 Plassans · Provence-Alpes-Côte d'Azur · Südfrankreich

Zusammenfassung

Das Kapitel zeigt den vollständigen Zerfall der Familie Mouret und die endgültige Übernahme des Hauses durch die Faujas und Trouches, während Mouret in völlige Passivität und Einsamkeit versinkt. Desirée, das geistig zurückgebliebene Kind, lebt in ihrem eigenen, unbekümmerten Paradies im Garten – schmutzig, lachend und tierliebend. Ihre Mutter Martha, von krankhafter Frömmigkeit erfasst, empfindet Ekel vor ihrer ungezwungenen Fröhlichkeit und wünscht sie fort. Als Desirée von einer Leiter stürzt, bringt Mouret sie heimlich zu ihrer Amme nach Saint-Eutrope – ein Schritt, der den letzten Keim von Mutterliebe in Martha erstickt. Von nun an herrscht eisiges Schweigen zwischen den Eheleuten. Die Faujas ziehen nun vollständig in das Erdgeschoss ein: Zuerst kommt der Abbé zum Frühstück, bald werden alle Mahlzeiten gemeinsam eingenommen. Rosa, die Köchin, und die alte Madame Faujas verschmelzen die beiden Haushalte. Martha und Rosa verwöhnen den Abbé mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten, während Mouret an den Rand gedrängt wird – er sitzt am schlechtesten Platz, wird zuletzt bedient, erhält die schlechtesten Stücke und wird von Rosa offen gedemütigt. Er schweigt, erträgt es und zieht sich immer mehr in sein "Büro" im ersten Stock zurück, wo er stundenlang regungslos vor einem leeren Tisch sitzt.

Im zweiten Stock haben die Trouches freie Hand: Trouche treibt sich nachts in zwielichtigen Kneipen herum, kommt betrunken heim, und Olympia plündert Martha systematisch aus – sie erpresst ihr immer mehr Geld für angebliche Schulden des Abbé. Die alte Madame Faujas und Olympia liefern sich einen erbitterten Kleinkrieg um die Beute, während der Abbé, der über allem schwebt, sich bemüht, den Schein zu wahren und seine Familie unter Kontrolle zu halten. Parallel dazu wird der Garten der Mourets zum gesellschaftlichen Treffpunkt: Jeden Dienstag empfängt der Abbé Faujas dort die Vertreter beider politischen Lager – Legitimisten und Bonapartisten – in lockerer Geselligkeit. Es wird nicht über Politik gesprochen, aber die Nähe ist politisch hoch bedeutsam, besonders im Vorfeld der allgemeinen Wahlen. Mouret hat sich endgültig aus seinem eigenen Haus zurückgezogen, während der Abbé als verbindender Mittelpunkt der Stadt regiert. Das Kapitel endet mit dem Bild, wie Rosa und Madame Faujas Mouret heimlich durch das Schlüsselloch beobachten – er sitzt allein, starr, vergessen, während unten im Garten die Gesellschaft lacht und sein Haus von den Eindringlingen bewohnt wird.

Notizen

„Mouret sitzt allein, starr, vergessen, während unten im Garten die Gesellschaft lacht und sein Haus von den Eindringlingen bewohnt wird.“

🔹 Schlüsselmotiv: Die vollständige Entmachtung und Verdrängung Mourets in seinem eigenen Haus 🔹 Symbol: Das Schlüsselloch – der voyeuristische Blick der Eindringlinge auf den gefallenen Hausherrn

Allerheiligentage (auch Allerheiligen, französisch la Toussaint) ist ein katholisches Hochfest, das jedes Jahr am 1. November gefeiert wird. An diesem Tag gedenkt die Kirche aller Heiligen – sowohl der bekannten, kanonisierten Heiligen als auch der unzähligen, nur Gott bekannten Seligen, die im Himmel sind. Das Fest hat seine Wurzeln im frühen Christentum und wurde im 9. Jahrhundert von Papst Gregor IV. auf den 1. November festgelegt. Im 19. Jahrhundert war Allerheiligen in katholischen Ländern wie Frankreich ein wichtiger Feiertag: Die Gläubigen besuchten die Messe, schmückten die Gräber ihrer Verstorbenen und gedachten der Toten. Im Roman heißt es: „Am Allerheiligentage frühstückte der Abbé Faujas zum erstenmal in dem Speisezimmer der Mourets.“ Die Erwähnung dieses Tages ist nicht zufällig: Sie markiert einen Wendepunkt in der Hausgemeinschaft – der Priester, der bisher nur abends kam, beginnt nun auch an den Mahlzeiten teilzunehmen, dringt also tiefer in das Familienleben der Mourets ein. Der Feiertag verleiht diesem Schritt eine fast feierliche, symbolische Bedeutung: Wie die Heiligen in den Himmel aufgenommen werden, so wird der Abbé in den innersten Kreis der Familie aufgenommen.
Grog ist ein alkoholisches Heißgetränk, das aus heißem Wasser, Rum und Zucker besteht, oft verfeinert mit Zitronensaft oder Gewürzen wie Nelken und Zimt. Der Name stammt von dem Spitznamen „Old Grog“ des britischen Admirals Edward Vernon, der im 18. Jahrhundert den Rum seiner Seeleute mit Wasser verdünnte, um die Trunkenheit an Bord zu bekämpfen. Im 19. Jahrhundert war der Grog vor allem bei Seeleuten, in Studentenkreisen und in der einfachen Bevölkerung als wärmendes Getränk beliebt – besonders in den kälteren Jahreszeiten. Im Roman wird Olympia Trouche beschrieben, wie sie im Bett liegt und ruhig „von einem Glase Grog“ nippt, während ihr betrunkener Mann auf dem Sofa liegt. Der Grog ist hier ein Zeichen ihrer selbstsüchtigen, genussorientierten Haltung: Sie kümmert sich nicht um das Elend ihres Mannes, sondern genießt ihren warmen Rum im Bett, während das Haus in den Intrigen und Konflikten der Trouche-Familie kocht. Das Getränk steht bei Zola für die geistige und moralische Trägheit, die er der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit entgegensetzt.
Arleserin (französisch Arlésienne) ist die weibliche Bezeichnung für eine Einwohnerin der südfranzösischen Stadt Arles in der Provence. Im 19. Jahrhundert waren die Frauen aus Arles durch ihre besondere Schönheit, ihre dunklen Augen und ihr provenzalisches Temperament berühmt – sie galten als Inbegriff südländischer Anmut und Leidenschaft. Die „Arlésienne“ wurde durch das gleichnamige Drama von Alphonse Daudet und die Musik von Georges Bizet literarisch und musikalisch unsterblich. Im Roman schwärmt der betrunkene Trouche von der „Arleserin“, die das Kaffeehaus hinter den Gefängnissen betreibt: „eine schöne Frau, eine Brünette“. Die Erwähnung der Arleserin ist typisch für den kleinstädtischen Klatsch – und sie zeigt, dass Trouche nicht der fromme, brave Buchhalter ist, als der er im Werk der heiligen Jungfrau gilt, sondern ein heimlicher Genussmensch, der sich in zwielichtigen Lokalen herumtreibt. Die Arleserin wird bei Zola zur Chiffre für die verbotene, sinnliche Welt, die dem Abbé Faujas und seinen frommen Machenschaften gefährlich werden kann.
Scharteke (auch Schart(e)ke, von mittelhochdeutsch schartec = zerschlagen, zerbrochen) ist ein abwertendes, scherzhaftes oder verächtliches Wort für ein altes, abgenutztes, wertloses Buch – oft auch für schlechte, minderwertige Literatur oder Heftchen. Es kann sich auf zerfledderte, ungebundene oder aus dem Leim gegangene Bücher beziehen, die in Antiquariaten oder auf Dachböden herumliegen. Im 19. Jahrhundert wurde das Wort vor allem im studentischen und bürgerlichen Sprachgebrauch verwendet. Im Roman liest Olympia Trouche abends „alte Scharteken“, die sie aus einer „Leihbibliothek“ in der Canquoin-Straße ausleiht – und zwar offenbar nichts fromme oder anständige Literatur, sondern leichte Unterhaltung, die sie in eine heimliche Welt der Träume und Lüste entführt. Die Scharteken stehen bei Zola für die geistige und moralische Verwahrlosung der Trouches: Während der Abbé Faujas in seiner Kirche und im Jugendklub gegen das Laster kämpft, liest seine eigene Schwester schmutzige Heftchen im Bett. Die Scharteke wird zum Symbol der Doppelmoral, die Zola in der bürgerlichen und kirchlichen Gesellschaft seiner Zeit immer wieder aufdeckt.
Unterkunftshaus (auch Herberge oder Asyl) ist eine Einrichtung, die Obdachlosen, Reisenden oder armen Menschen vorübergehend Schutz und Unterkunft bietet – gegen geringes Entgelt oder unentgeltlich. Im 19. Jahrhundert waren Unterkunftshäuser oft die letzte Zuflucht für die Ärmsten der Armen: Arbeitslose, Wanderarbeiter, alte oder kranke Menschen, die keine andere Bleibe hatten. Sie waren berüchtigt für ihre Enge, ihre Unordnung und ihre mangelnde Hygiene. Im Roman wird das Haus der Mourets, seitdem die Faujas und Trouches dort leben, mit einem „Unterkunftshaus“ verglichen: „Man hätte meinen können, es sei ein Getümmel wie in einem Unterkunftshause, mit dem unterdrückten Lärm der Streitigkeiten, den zugeworfenen Türen, dem ungenierten Leben jedes Mieters.“ Die Metapher ist ironisch: Das Haus der Mourets, einst ein ruhiger, geordneter Familienbesitz, ist durch das Eindringen der Fremden zu einem Ort der Unordnung und des Lärms geworden – nicht anders als eine öffentliche, heruntergekommene Herberge. Das Unterkunftshaus symbolisiert den Zerfall des bürgerlichen Lebens: Die Gastfreundschaft der Mourets wird zur Übernahme der Familie durch Fremde.
Moniteur (französisch moniteur = Berichterstatter, Anzeiger) ist der Name einer offiziellen französischen Zeitung, die von 1789 bis 1869 erschien: der „Moniteur universel“. Sie wurde von der Regierung herausgegeben und war das wichtigste offizielle Amtsblatt des französischen Staates, in dem Gesetze, Verordnungen, amtliche Bekanntmachungen und auch parlamentarische Debatten veröffentlicht wurden. Im 19. Jahrhundert war der Moniteur das zentrale Medium, um die offizielle Politik der Regierung zu kommunizieren – seine Lektüre war für Beamte und politisch interessierte Bürger unverzichtbar. Im Roman fragt Herr von Bourdeu: „Herr Doktor, haben Sie heute früh den ‚Moniteur‘ gelesen? Der Marquis hat endlich gesprochen; dreizehn Worte hat er gesagt, ich habe sie gezählt.“ Die Erwähnung des Moniteur verortet die Handlung präzise im politischen Alltag des Zweiten Kaiserreichs: Die Zeitung ist das Sprachrohr der Macht, aber auch ein Gegenstand der Kleinstadt-Politik, wo man jedes Wort der offiziellen Politik auf die Goldwaage legt. Das Lesen des Moniteur wird bei Zola zum Symbol für die politische Wachsamkeit und die Ohnmacht der provinziellen Opposition zugleich.
Nebenbuhlerschaft (von Nebenbuhler = Konkurrent, Rivale) bezeichnet die Rivalität, Konkurrenz oder Eifersucht zwischen zwei Personen, die um die gleiche Sache konkurrieren – besonders um die Gunst einer anderen Person, um einen Preis, einen Titel, eine Stellung oder um Anerkennung in der Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert war die Nebenbuhlerschaft ein zentrales Motiv in Romanen und Dramen, insbesondere im Zusammenhang mit Liebe, Macht und sozialem Aufstieg. Im Roman heißt es, dass sich die Damen Delangre und Rastoil im Garten der Mourets trafen – und dass „trotz ihrer ausgesuchten Höflichkeit und Freundlichkeit in ihren erloschenen Augen ein Blitz aufleuchtete, der ihre ehemalige Nebenbuhlerschaft verriet“. Die Nebenbuhlerschaft dieser beiden Frauen geht auf die alte Affäre zwischen Madame Rastoil und Herrn Delangre zurück, die in Plassans noch immer Stoff für Klatsch bietet. Die zwei Frauen sind nicht mehr erbitterte Rivalinnen, aber die alte Eifersucht schimmert bei jeder Begegnung durch. Bei Zola wird die Nebenbuhlerschaft zum Ausdruck der geheimen Spannungen, die unter der Oberfläche der scheinbar harmonischen Gesellschaft der Mourets weiterleben.
Zote (auch Zote, von niederländisch zot = Narr, Tor, oder von französisch sotte = albern) ist ein unanständiger, derber, oft obszöner Scherz oder eine zweideutige, schlüpfrige Anekdote, die sich meist auf sexuelle Themen bezieht. Zoten waren im 19. Jahrhundert vor allem in Männergesellschaften verbreitet – in Kasinos, Klubs und Kaffeehäusern, wo man ungeniert lachen konnte. Der Begriff hat einen deutlich abwertenden Beiklang: Wer Zoten erzählt, gilt als grob, unkultiviert oder als Angeber. Im Roman wird Herr von Condamin als eine Figur beschrieben, die „sich über die Leute lustig zu machen, zu lügen, mit außerordentlicher Gelassenheit Zoten zu erzählen“ pflegt. Die Zoten sind hier Teil seines zynischen, provokativen Wesens: Er genießt es, die strenge, fromme Atmosphäre des Hauses Mouret mit ungehobelten Witzen aufzubrechen und die Spießbürger in Verlegenheit zu bringen. Die Zoten werden bei Zola nicht nur als harmlose Späße dargestellt, sondern als Ausdruck einer moralischen Haltung, die hinter der bürgerlichen Fassade die Lust an der Provokation und an der Macht verbirgt.

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