Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel 07 - 09

Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel 07 - 09

📖 Über dieses Buch · Die Sünde des Abbé Mouret · von Emile Zola

Veröffentlicht 1875 und der fünfte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Kurt Wolff Verlag München | Jahr: 1925 | Übersetzer: Hans-Henning von Voigt

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Zeit und Ort: 1867, Artauds (fiktives Dorf in der Provence). Es geht um den Gegensatz zwischen der katholischen Kirche, durch Abbé Serge Mouret repräsentiert, und die inzestuöse Bevölkerung eines armen Dorfes.

Schlüsselthemen: Die institutionelle Kälte und der Machtanspruch der Kirche, religiöser Fanatismus und die menschliche Tragödie im Gefangensein zwischen Kirchendoktrin (Zölibat) und der menschlichen Natur (Sexualität)

Hauptpersonen: Serge Mouret (neurotischer Pfarrer); Désirée (seine geistig kind-gebliebene Schwester); Bruder Archangias (ein brutaler Mönch); Dr. Pascal Rougon (Mediziner und Wissenschaftler); Albine (Nichte des Gutsverwalters Jeanbernat)

Handlungsbogen: Der neurotische junge Priester Serge Mouret hat eine Pfarrstelle in dem Dorf Artauds angetreten. Nach einer schweren nervlichen Erkrankung verliert Serge sein Gedächtnis. Auf dem Landgut Paradeis wird er von Albine, der Nichte des Eigentümers, gepflegt. Seine medizinische Versorgung übernimmt Doktor Pascal. Serge kommt langsam wieder zu Kräften. Es entsteht eine kindliche Zuneigung zu Albine, aus der allmählich eine geschlechtliche Liebe wird. Er verspricht Albine Treue. Bruder Archangias sucht ihn. Als Serge aus der Ferne den Glockenschlag seiner Kirche hört, kehrt seine Erinnerung zurück. Er verlässt das Mädchen und nimmt sein Amt als Pfarrer wieder auf. Albine, die ein Kind von ihm erwartet, sucht eine Aussprache mit Serge, bei der er sich hinter seinen religiösen Verpflichtungen versteckt und alle Verantwortung von sich weist. Als der Versuch, ihn wiederzugewinnen, gescheitert ist, nimmt sich Albine das Leben, indem sie ein Zimmer mit stark duftenden Pflanzen anfüllt und darin einschläft. Serge zelebriert die Beerdigung Albines, ohne eine Regung des Bedauerns zu zeigen.

📅 Mai 1867 📍 Artauds · Provence · Südfrankreich

Zusammenfassung

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Auf dem Rückweg zur Pfarre wird Abbé Mouret von seinem Onkel, Doktor Pascal Rougon, in einem Wagen überholt. Der Arzt ist auf dem Weg zum alten Jeanbernat, dem Verwalter des verwilderten Anwesens Paradeis, der angeblich einen Schlaganfall erlitten hat. Der Priester begleitet seinen Onkel, um dem Kranken die Sterbesakramente zu spenden.
Unterwegs erzählt Doktor Pascal von der Geschichte des Paradeis – einst ein prächtiges Schloss aus der Zeit Ludwigs XV., das nach einem Brand verfiel und seit über hundert Jahren verwildert. Jeanbernat lebt als Einsiedler in einem Pavillon, umgeben von einem überwucherten Park.
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Als sie ankommen, finden sie den alten Jeanbernat jedoch wohlauf – er hat sich selbst zur Ader gelassen und raucht gelassen seine Pfeife. Der Alte, ein überzeugter Materialist und Spötter, weigert sich, den Priester anzuerkennen, und erklärt ihm, dass es „nichts gibt, nichts, nichts“.

Plötzlich erscheint Jeanbernats Nichte Albine – ein wildes, sechzehnjähriges Mädchen, das den verwilderten Park wie ihr persönliches Reich bewohnt. Sie ist mit Blumen geschmückt, lacht unbekümmert und wirkt wie die Verkörperung des üppigen, ungezähmten Lebens des Paradeis. Doktor Pascal erzählt, dass Albine einst als feine, erzogene junge Dame kam, aber durch ihr Leben in der Wildnis alle Zivilisation abgelegt hat. Sie verschwindet wieder im Park, und ihr Lachen hallt hinter der Mauer nach.
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Zurück in der Pfarre erwartet den Abbé Mouret der Zorn der Teusin wegen seiner Verspätung. Nach einem heftigen Wortgefecht versöhnen sie sich wieder. Der Priester verschweigt seinen Besuch bei Jeanbernat. Desiderata schläft tief und fest auf dem Sofa. Der Tag endet in stiller Abgeschiedenheit – der Priester sitzt im Garten, das Brevier auf den Knien, während die Pfirsichbäume im Abendlicht blühen.

Notizen

„Nichts gibt es ... wenn Sie es wissen wollen ... ein Witz ist das Ganze.“ – Jeanbernat

Themen

  • Die verborgene Wildnis – Das Paradeis als Gegenwelt zur kargen Provence, ein Ort üppiger, ungezähmter Natur
  • Materialismus versus Glaube – Jeanbernat als philosophischer Gegenspieler des Priesters
  • Albine als Naturwesen – Sie ist die Verkörperung des freien, ungezähmten Lebens, das den Priester zugleich anzieht und abstößt
  • Die Teusin als Stimme der Ordnung – Ihr Zorn steht für die bürgerliche und kirchliche Disziplin, die Mouret immer wieder einholt
Zur Ader lassen (Aderlass) war bis ins 19. Jahrhundert eine weit verbreitete medizinische Behandlungsmethode, bei der durch einen Schnitt in eine Vene Blut abgelassen wurde. Man glaubte, dadurch „schädliche Säfte“ aus dem Körper zu entfernen und Krankheiten zu heilen. Jeanbernat hat sich mit seinem eigenen Messer zur Ader gelassen – ein Zeichen für seine Selbstgenügsamkeit und Misstrauen gegenüber Ärzten.
Leichenbitter (auch: Totenbitter oder Leichenrufer) waren Personen, die gegen Bezahlung den Tod eines Dorfbewohners bekannt machten und die Gemeinde zum Begräbnis riefen. Der Begriff wird im übertragenen Sinn oft abwertend für Personen verwendet, die sich aufdringlich mit Tod und Sterben beschäftigen. Jeanbernat spottet: „Der Arzt, der Priester, warum nicht die Leichenbitter?“
Schwarzrock ist eine umgangssprachliche, oft leicht abwertende Bezeichnung für einen katholischen Priester oder Geistlichen, abgeleitet von der schwarzen Soutane, die als Alltagskleidung getragen wird. Der Ausdruck wurde besonders im 19. Jahrhundert in antiklerikalen Kreisen gebraucht. Jeanbernat verwendet ihn spöttisch, als er mit Abbé Mouret anstößt.
Milchbruder bezeichnet zwei nicht blutsverwandte Personen, die von derselben Amme gestillt wurden. Im Frankreich des 18. und 19. Jahrhunderts war dies eine enge soziale Bindung, die oft ein lebenslanges Treueverhältnis begründete. Jeanbernat war der Milchbruder des Grafen von Corbierre, was seine lebenslange Verbundenheit mit der Adelsfamilie erklärt.
Falbeln (von franz. falbalas) sind üppige, mehrfach geraffte oder gekräuselte Rüschen und Volants, die in der Damenmode des 19. Jahrhunderts als Besatz an Röcken und Kleidern getragen wurden. Doktor Pascal beschreibt damit die feinen, bürgerlichen Kleider, die Albine bei ihrer Ankunft trug – bevor sie in der Wildnis des Paradeis alles verlor.
Cybele (griech. Kybele) ist in der antiken Mythologie die „Große Mutter“ der Götter, eine Göttin der Fruchtbarkeit, der wilden Natur und der Berge. Sie wurde oft als üppige, krönentragende Frau dargestellt, die auf Garben oder von Löwen gezogen thront. Die Teusin vergleicht Desideratas kräftige Gestalt mit einer Cybele-Statue am Kornhaus von Plassans – ein ironischer Kontrast zur kindlichen Unschuld der Schwester.

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