Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel 10 - 12

Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel 10 - 12

📖 Über dieses Buch · Die Sünde des Abbé Mouret · von Emile Zola

Veröffentlicht 1875 und der fünfte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Kurt Wolff Verlag München | Jahr: 1925 | Übersetzer: Hans-Henning von Voigt

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Zeit und Ort: 1867, Artauds (fiktives Dorf in der Provence). Es geht um den Gegensatz zwischen der katholischen Kirche, durch Abbé Serge Mouret repräsentiert, und die inzestuöse Bevölkerung eines armen Dorfes.

Schlüsselthemen: Die institutionelle Kälte und der Machtanspruch der Kirche, religiöser Fanatismus und die menschliche Tragödie im Gefangensein zwischen Kirchendoktrin (Zölibat) und der menschlichen Natur (Sexualität)

Hauptpersonen: Serge Mouret (neurotischer Pfarrer); Désirée (seine geistig kind-gebliebene Schwester); Bruder Archangias (ein brutaler Mönch); Dr. Pascal Rougon (Mediziner und Wissenschaftler); Albine (Nichte des Gutsverwalters Jeanbernat)

Handlungsbogen: Der neurotische junge Priester Serge Mouret hat eine Pfarrstelle in dem Dorf Artauds angetreten. Nach einer schweren nervlichen Erkrankung verliert Serge sein Gedächtnis. Auf dem Landgut Paradeis wird er von Albine, der Nichte des Eigentümers, gepflegt. Seine medizinische Versorgung übernimmt Doktor Pascal. Serge kommt langsam wieder zu Kräften. Es entsteht eine kindliche Zuneigung zu Albine, aus der allmählich eine geschlechtliche Liebe wird. Er verspricht Albine Treue. Bruder Archangias sucht ihn. Als Serge aus der Ferne den Glockenschlag seiner Kirche hört, kehrt seine Erinnerung zurück. Er verlässt das Mädchen und nimmt sein Amt als Pfarrer wieder auf. Albine, die ein Kind von ihm erwartet, sucht eine Aussprache mit Serge, bei der er sich hinter seinen religiösen Verpflichtungen versteckt und alle Verantwortung von sich weist. Als der Versuch, ihn wiederzugewinnen, gescheitert ist, nimmt sich Albine das Leben, indem sie ein Zimmer mit stark duftenden Pflanzen anfüllt und darin einschläft. Serge zelebriert die Beerdigung Albines, ohne eine Regung des Bedauerns zu zeigen.

📅 Mai 1867 📍 Artauds · Provence · Südfrankreich

Zusammenfassung

10
Am Abend zeigt Desiderata ihrem Bruder voller Stolz ihren Viehhof – ein kleines Reich aus Hühnern, Kaninchen, Enten, einer Ziege und einem neugeborenen Ferkel. Der Priester ist überwältigt von der üppigen, triebhaften Atmosphäre des Hofes, dem Geruch von Mist und Leben. Desiderata, die geistig ein Kind geblieben ist, lebt in völliger Harmonie mit ihren Tieren; sie versteht ihre Sprache und pflegt sie mit mütterlicher Hingabe. Ihr Körper ist zu einer vollendeten weiblichen Gestalt herangewachsen, doch sie bleibt unschuldig und gedankenlos – ein Wesen der reinen Natur, das die Fruchtbarkeit um sich herum unbewusst genießt. Der Abbé Mouret fühlt sich in dieser Umgebung unwohl; die Zeugungshitze des Hofes bedrängt ihn, und er denkt unwillkürlich an das verwilderte Paradeis.
11
Beim Abendessen mit Bruder Archangias entbrennt ein Streit über den Besuch beim alten Jeanbernat. Die Teusin ist empört, dass der Priester ihr den Ausflug verschwiegen hat. Archangias wettert gegen den „Philosophen“ und seine Nichte Albine, die er als „Hexe“ und „Tochter der Verdammnis“ beschimpft. Er erzählt von Albines wilder Kindheit, wie sie auf allen vieren durchs Gestrüpp lief und die Schule nur besuchte, um Unfug zu treiben. Der Priester hört zu, wird aber immer unruhiger.

Später schmücken die Dorfmädchen den Altar der Jungfrau für den Marienmonat. Die Teusin leitet das Treiben mit derbem Wortwitz. Als die schwangere Rosalie erscheint, wird sie schmählich hinausgeworfen.
12
Nachdem alle gegangen sind, bleibt der Abbé Mouret allein in der dunklen Kirche zurück. Vor dem Altar der goldenen Jungfrau versinkt er in eine lange, ekstatische Marienandacht.
Es folgt eine ausführliche Rückblende in Sergius' Jugend: Seit seiner Kindheit ist er von einer leidenschaftlichen, fast sinnlichen Liebe zur Jungfrau Maria erfüllt. Er hat ihr sein ganzes Leben geweiht, trug ihr Skapulier und ihre Kette, sprach unzählige Rosenkränze und kasteite sich. Maria war für ihn die Geliebte, die er allnächtlich erwartete. Doch an diesem Abend findet er keine Ruhe im Gebet – die üppige Jungfrau mit dem nackten Kind auf dem Arm erinnert ihn an die triebhafte Fruchtbarkeit, die ihn den ganzen Tag verfolgte. Die Andacht bleibt ohne Wirkung; er verlässt die Kirche erschöpft und verwirrt, während die Lampe verglimmt und das Goldkreuz der Krone im Dunkel verschwindet.

Notizen

„Maria ist mir erfunden. Ich habe sie mir erkoren als einzigstes Gut.“ – Abbé Mouret

Themen

  • Desiderata als Naturwesen – Sie lebt in völliger Harmonie mit der tierischen Fruchtbarkeit, unbewusst und unschuldig
  • Die Marienandacht als Ersatzreligion – Sergius' leidenschaftliche, fast sinnliche Liebe zur Jungfrau ersetzt ihm jede irdische Liebe
  • Der Konflikt zwischen Geist und Natur – Die übermächtige Zeugungskraft der Natur bedrängt den Priester in allen Bereichen
  • Die bedrohliche Fruchtbarkeit – Selbst die Jungfrau als Mutter mit Kind wird zur Erinnerung an das irdische Leben
Kretzer (auch: Kretzer Wein) ist ein süßer, roter Dessertwein aus der Gegend von Kreta (griech. Kréta). Im 19. Jahrhundert war er in Frankreich als wohlschmeckender, kräftiger Wein beliebt, der oft nach dem Essen getrunken wurde. Bruder Archangias leert sein Glas Kretzer mit sichtlichem Genuss.
Der Feldhüter (franz. garde champêtre) war im ländlichen Frankreich des 19. Jahrhunderts ein kommunaler Angestellter, der für die Überwachung der Felder, Wälder und Wege zuständig war. Er kontrollierte Wilderei, Weidevergehen und Diebstahl von Feldfrüchten. Bruder Archangias ruft ihn, als Jeanbernat in die Schule eindringt.
Der Spinnrocken (auch: Rocken) ist ein stabförmiger Teil des Spinnrads oder der Handspindel, auf den der zu verspinnende Faserstoff (Wolle, Flachs) aufgewickelt wird. In der Ikonographie wird Maria oft mit einem Spinnrocken dargestellt – ein Symbol ihrer Häuslichkeit und Demut, aber auch ihrer Rolle als „Jungfrau, die den Erlöser spinnt“.
Das Allerheiligste (auch Tabernakel genannt) ist ein geschmücktes Schränkchen in der Mitte des Altares, in dem geweihte Hostien aufbewahrt werden. Die Tradition verlangt, dass der Gläubige vor dem Tabernakel eine Kniebeuge macht. Im Text wird es als „Sakramentshäuschen“ bezeichnet, an dem sich die Mädchen beim Altarschmuck ungeniert anlehnen.
„Ei der Tausend“ (franz. palsambleu) ist ein alter, leicht veralteter Ausruf des Erstaunens oder der Empörung. Es ist eine abgeschwächte Floskel, die „bei tausend Teufeln!“ oder „Donnerwetter!“ entspricht. Die Teusin gebraucht ihn, als sie von Bambousses kaltschnäuziger Antwort auf die Heiratsvermittlung erfährt.
Eine Reliquie (von lat. reliquiae = Überreste) ist ein Gegenstand von religiöser Verehrung, der entweder aus dem Körper eines Heiligen stammt (Gebeine, Haare) oder mit ihm in Berührung gekommen ist (Kleider, Gegenstände). Im katholischen Kult werden Reliquien in Altären aufbewahrt und verehrt. Bruder Archangias empört sich, dass Frauen den Altar berühren, wo die Reliquien aufbewahrt werden.
Die Schindmähre ist eine abgemagerte, heruntergekommene, alte Pferdestute, die nur noch zum Ziehen von Schindkarren oder zur Schlachtung taugt. Im übertragenen Sinn ist es ein derber Schimpfwort für eine hässliche oder heruntergekommene Person. Die Teusin benutzt es für die gelben Rosmarinzweige, die ihr die Mädchen bringen.
Leibeigen (von Leib und eigen) bedeutet im Mittelalter die rechtliche und persönliche Abhängigkeit eines Bauern von seinem Grundherrn. Im übertragenen Sinn steht es für völlige Unterwerfung und Hingabe. Der Abbé Mouret nennt sich „Jesu leibeigen durch Maria“ – er versteht sich als völligen Besitz der Jungfrau, der ihr mit Leib und Seele gehört.
Salve Regina („Gegrüßet seist du, Königin“), Regina coeli („Königin des Himmels“) und o gloriosa Domina („o ruhmreiche Herrin“) sind lateinische Marienhymnen und -antiphonen der katholischen Kirche. Sie preisen Maria als Königin des Himmels und Fürsprecherin der Gläubigen. Der Abbé Mouret spricht sie in seiner nächtlichen Andacht als Liebeslieder an seine „teure Herrin“.
Sich kasteien (von lat. castigare = züchtigen) bedeutet, sich selbst durch körperliche Entbehrungen, Fasten, Tragen von Bußgewändern oder Geißelungen zu disziplinieren. Im asketischen Christentum dient die Kasteiung der Überwindung der fleischlichen Begierden und der Läuterung der Seele. Der Abbé Mouret kasteite sich in seiner Jugend, um Maria seine „wunde Leiblichkeit“ darzubringen.
Das Skapulier (von lat. scapula = Schulterblatt) ist ein aus zwei Tuchstücken bestehendes, über Schultern und Brust getragenes Gewandstück, das ursprünglich zur Ordenskleidung gehörte. Später entstanden „geweihte Skapulier“ als Andachtsgegenstände, die Laien als Zeichen der Marienverehrung trugen. Der Abbé Mouret trägt seit seinem zehnten Lebensjahr ein Skapulier mit dem Bildnis Marias auf der nackten Haut.
Gebenedeit (von lat. benedicere = segnen) bedeutet „gesegnet“ oder „mit Wohltaten überhäuft“. Im Ave-Maria heißt es: „Gebenedeit bist du unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Der Abbé Mouret wiederholt diesen Gruß in seinem Rosenkranzgebet als Ausdruck seiner liebenden Hingabe an Maria.

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