Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel 13 - 15

Die Sünde des Abbé Mouret - Erstes Buch - Kapitel

📖 Über dieses Buch · Die Sünde des Abbé Mouret · von Emile Zola

Veröffentlicht 1875 und der fünfte Teil des zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus

Deutsche Übersetzung: Kurt Wolff Verlag München | Jahr: 1925 | Übersetzer: Hans-Henning von Voigt

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Zeit und Ort: 1867, Artauds (fiktives Dorf in der Provence). Es geht um den Gegensatz zwischen der katholischen Kirche, durch Abbé Serge Mouret repräsentiert, und die inzestuöse Bevölkerung eines armen Dorfes.

Schlüsselthemen: Die institutionelle Kälte und der Machtanspruch der Kirche, religiöser Fanatismus und die menschliche Tragödie im Gefangensein zwischen Kirchendoktrin (Zölibat) und der menschlichen Natur (Sexualität)

Hauptpersonen: Serge Mouret (neurotischer Pfarrer); Désirée (seine geistig kind-gebliebene Schwester); Bruder Archangias (ein brutaler Mönch); Dr. Pascal Rougon (Mediziner und Wissenschaftler); Albine (Nichte des Gutsverwalters Jeanbernat)

Handlungsbogen: Der neurotische junge Priester Serge Mouret hat eine Pfarrstelle in dem Dorf Artauds angetreten. Nach einer schweren nervlichen Erkrankung verliert Serge sein Gedächtnis. Auf dem Landgut Paradeis wird er von Albine, der Nichte des Eigentümers, gepflegt. Seine medizinische Versorgung übernimmt Doktor Pascal. Serge kommt langsam wieder zu Kräften. Es entsteht eine kindliche Zuneigung zu Albine, aus der allmählich eine geschlechtliche Liebe wird. Er verspricht Albine Treue. Bruder Archangias sucht ihn. Als Serge aus der Ferne den Glockenschlag seiner Kirche hört, kehrt seine Erinnerung zurück. Er verlässt das Mädchen und nimmt sein Amt als Pfarrer wieder auf. Albine, die ein Kind von ihm erwartet, sucht eine Aussprache mit Serge, bei der er sich hinter seinen religiösen Verpflichtungen versteckt und alle Verantwortung von sich weist. Als der Versuch, ihn wiederzugewinnen, gescheitert ist, nimmt sich Albine das Leben, indem sie ein Zimmer mit stark duftenden Pflanzen anfüllt und darin einschläft. Serge zelebriert die Beerdigung Albines, ohne eine Regung des Bedauerns zu zeigen.

📅 Mai 1867 📍 Artauds · Provence · Südfrankreich

Zusammenfassung

13
Abbé Mouret liegt fiebernd in seinem Zimmer. Er erinnert sich an seine Seminarzeit in Plassans – an die strengen Tagesabläufe, die stillen Meditationen, die frommen Exerzitien. Fünf Jahre lang lebte er in völliger Abgeschiedenheit, umgeben von Gebet und Gehorsam. Er war ein mustergültiger Seminarist, der nie sündigte, nie zweifelte und in der Marienverehrung seine ganze Liebe fand. Die Erinnerung an jene Zeit der Reinheit und Unschuld überkommt ihn mit Wehmut.
Doch plötzlich wird die Idylle von einer ungekannten Unruhe durchbrochen. Er spürt eine „Bedrängnis“ in seinem Körper, ein Fieber, das ihn seit dem Morgen verfolgt. Woher kommt diese ungewohnte Erregung? Er hat doch nicht gesündigt. Die Erinnerungen an das Seminar beruhigen ihn kurz, aber das Fieber kehrt zurück.
14
Das Fieber steigert sich. Abbé Mouret öffnet das Fenster und blickt in die nächtliche Landschaft – die karge Provence, die unter dem Mond wie eine schlafende Cybele daliegt, mit entblößten Gliedern und schwerem Atem. Die Landschaft selbst wird für ihn zur Versuchung: die roten Erden, die Oliven, die Reben – alles scheint von triebhafter Fruchtbarkeit zu zeugen.

Sein Blick fällt auf das schlafende Dorf Artaud, aus dessen Hütten ein dumpfer, lebendiger Atem aufsteigt. Dann zu Desideratas Hof, wo die Tiere in der Nacht weiteratmen und das kleine Schwein schnarcht. Plötzlich steht Albine vor seinem inneren Auge – ihr Lachen, ihre blauen Augen, ihr Duft nach frischem Laub. Er erkennt, dass all sein Unbehagen von diesem Mädchen ausgeht. In Panik wirft er sich vor der Figur der unbefleckten Empfängnis auf die Knie und fleht um Rettung.
15
Vor dem Bild der unbefleckten Jungfrau – einer schmalen, ganz in Weiß gehüllten Gestalt – entfaltet sich Sergius' verzweifeltes Gebet. Er fleht Maria an, ihn wieder zum Kind zu machen, seine Männlichkeit zu tilgen, ihn geschlechtslos zu machen wie einen Engel. Er will nicht mehr leben als Mann, sondern als reiner Geist, als eine weiße Lilie zu ihren Füßen. Er ersehnt den „Tod der Art“ – die völlige Entsinnlichung –, um sich ganz der jungfräulichen Liebe Marias hingeben zu können. Seine Worte werden ekstatisch, fast rasend: Er will in Maria aufgehen, in ihre Weiße verschmelzen, ohne jemals den irdischen Körper berühren zu müssen. Am Ende seiner Rede bricht er besinnungslos auf den Fliesen zusammen – besiegt von der übermächtigen Natur, die ihn seit dem Morgen verfolgt.

Notizen

„Oh, Maria, auserwähltes Gefäß, entmanne den Menschen in mir, mach mich zum Verschnittenen unter den Männern.“ – Abbé Mouret

Themen

  • Die verlorene Unschuld des Seminars – Die Erinnerung an die reine, geordnete Klosterwelt steht im Kontrast zur aufbrechenden Sinnlichkeit
  • Die nächtliche Landschaft als Versuchung – Die schlafende Provence wird zur personifizierten, triebhaften Natur
  • Albine als Auslöser des Fiebers – Ihr Lachen und ihr Bild verfolgen den Priester und entfachen seine innere Unruhe
  • Das verzweifelte Gebet an die Jungfrau – Sergius' Ekstase zeigt seine Angst vor der eigenen Männlichkeit und seinen Wunsch nach völliger Entkörperlichung
Die Unbefleckte Empfängnis (lat. immaculata conceptio) ist ein katholisches Dogma, das 1854 von Papst Pius IX. verkündet wurde. Es besagt, dass Maria, die Mutter Jesu, von Gott bereits im Augenblick ihrer eigenen Empfängnis von der Erbsünde verschont wurde – nicht aus eigenem Verdienst, sondern durch ein besonderes Gnadenvorrecht Gottes in Hinblick auf ihre zukünftige Mutterschaft.
Vespern (von lat. vespera = Abend) bedeutet landschaftlich, besonders süddeutsch, österreichisch die Vesper, die Mahlzeit am Nachmittag einnehmen. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und hat auch eine religiöse Bedeutung als vorletztes Stundengebet.
Anisette (auch Anislikör) ist ein süßer, klarer oder goldfarbener Likör, der mit Anissamen (Sternanis) aromatisiert wird. Er war im 19. Jahrhundert in Frankreich ein beliebtes Getränk, das oft nach dem Essen oder als Digestif getrunken wurde. Im Seminar war das Verstecken von Anisette-Flaschen im Nachttisch eine der kleinen Sünden, die einige Schüler begingen – ein Zeichen für die verbotenen kleinen Genüsse, die Abbé Mouret nie gekannt hat.
Die Dalmatika (von lat. dalmatica) ist ein liturgisches Obergewand, das ursprünglich aus der römischen Provinz Dalmatien stammte. In der katholischen Kirche wird sie von Diakonen und Bischöfen getragen – meist über der Albe. Sie ist ein ärmelloses oder kurzärmeliges, oft reich verziertes Gewand mit seitlichen Schlitzen.
Lateinische Begriffe aus der Priesterweihe:
„Accedite“ („Tretet heran!“) – der Aufruf des Bischofs an die Kandidaten bei der Weihe. Zwei seiner Mitschüler wurden davon so erschreckt, dass sie flohen.
„Accipe Spiritum Sanctum“ („Empfange den Heiligen Geist“) – die Worte, die der Bischof bei der Priesterweihe spricht, während er dem Kandidaten die Hände auflegt. Der vollständige Satz lautet: „Accipe Spiritum Sanctum: quorum remiseris peccata, remittuntur eis, et quorum retineris, retenta sunt“ – „Empfange den Heiligen Geist: wem du die Sünden vergibst, dem sind sie vergeben; und wem du sie behältst, dem sind sie behalten“ (nach Joh 20,22-23).
„De rebus veneris ad usum confessariorum“ – der Titel eines Buches, das Abbé Mouret vor seiner Weihe lesen musste. Übersetzung: „Über die Dinge der Venus (= über geschlechtliche Dinge) zum Gebrauch für Beichtväter“. Es war ein Handbuch für Priester, das sie über Sünden der Sexualität („Fälle“) unterrichten sollte, damit sie in der Beichte richtig urteilen konnten. Die Lektüre war für den jungen, unschuldigen Sergius ein Schock.
Kommunizieren (von lat. communicare = Gemeinschaft haben) bedeutet in der katholischen Kirche den Empfang der Heiligen Kommunion, also des Leibes und Blutes Christi in Gestalt der geweihten Hostie und des Kelchs. Es ist der Höhepunkt der Messfeier.
Spezerei (auch Spezereien) sind im ursprünglichen Sinne Gewürze, kostbare Duft- und Würzstoffe wie Weihrauch, Myrrhe, Zimt, Safran oder Nelken, die im Altertum und Mittelalter teurer waren als Gold und wurden gebraucht um zu konservieren oder zu veredeln. Abbé Mouret fühlt sich, „als sei er jahrelang in geheiligten Spezereien aufbewahrt worden“ – ein Bild für seine behütete, von aller irdischen Berührung abgeschirmte Seminarzeit.
„Verschnittene“ (griech. eunuchen, lat. castrati) ist eine Anspielung auf Matthäus 19,12. Jesus sagt dort: „Es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten wurden; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen.“ Der Vers steht im Zusammenhang mit der Ehelosigkeit (Zölibat). Sergius fleht Maria an, ihn zum „Verschnittenen“ zu machen – nicht durch körperliche Kastration, sondern im geistlichen Sinne: Er will von allen männlichen Begierden befreit werden, um ganz Gott und der Jungfrau zu gehören.

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